Die Entdeckung der Empathie

GUTE GEFÜHLE

Die Entdeckung der Empathie war mehr als eine Kuriosität in der Wissenschaft, sie legte den Grundstein für ein völlig neues Verständnis , wie wir einander verstehen, fühlen und miteinander in Beziehung treten. Heute, Jahrzehnte später, hat sich die Forschung weit über diese erste Beobachtung hinaus entwickelt und beeinflusst Bereiche von der Psychologie, bis hin zu unserem täglichen Miteinander.

in Kürze - worum geht's

Inhalt:

Wissenschaft - Die Entdeckung der Empathie

Anfang der 1990er Jahre machte ein Team von Neurowissenschaftlern an der Universität Parma unter der Leitung von Giacomo Rizzolatti eine zufällige, aber weltverändernde Entdeckung. Während sie die Gehirnaktivität von Makaken-Affen untersuchten, stellten sie fest, dass bestimmte Hirnzellen (Neuronen) im prämotorischen Kortex nicht nur feuerten, wenn der Affe selbst nach einer Nuss griff, sondern auch, wenn er einem Forscher dabei zusah. Es war, als würden die Affen, die beobachtete Handlung im Stillen in ihrem Gehirn "kopieren".

Diese Entdeckung der Spiegelneuronen war mehr als eine wissenschaftliche Kuriosität; sie legte den Grundstein für ein völlig neues Verständnis, wie wir fühlen, einander verstehen und in Beziehung treten. Heute, Jahrzehnte später, hat sich die Forschung weit über diese erste Beobachtung hinaus entwickelt und beeinflusst Bereiche von der Psychologie über die Robotik bis hin zu unserem alltäglichen Zusammensein.

Von der Handlung zum Gefühl

Die ursprüngliche Erkenntnis war, dass Spiegelneuronen eine Nachahmung von Handlungen in unserem Gehirn auslöst. Sie schien die Antwort auf die Frage "Was tut diese Person gerade?". Doch die Forschung entdeckte bald, dass mehr dahinter steckt. Wissenschaftler fanden heraus, dass das System der Spiegelneuronen weitaus tiefgreifender ist. Es spiegelt zwar Handlungen, aber – und das war wirklich eine weitreichende Erkenntnis - auch die Absicht dahinter. Spiegelzellen die beim Greifen einer Kaffeetasse feuern, feuern interessanterweise anders, wenn die Absicht besteht, aus der Tasse zu trinken oder sie wegzuräumen. Unser Gehirn simuliert also nicht nur die Bewegung selbst, sondern auch die Absicht, beziehungsweise das Ziel der Bewegung.

Der wirklich revolutionäre Schritt war aber die Ausweitung dieses Konzepts von motorischen Handlungen, also Bewegungen auf Emotionen oder Empfindungen. Forscher wie Tania Singer am Max-Planck-Institut in Leipzig konnten mithilfe von Hirnscans zeigen, dass, wenn wir eine Person sehen, die Schmerz empfindet – beispielsweise sich mit dem Messer schneidet –, in unserem Gehirn einen ähnlichen Schmerz auslöst.

Wir fühlen den Schmerz zwar nicht körperlich, aber unser Gehirn kopiert das Schmerzempfinden des anderen. Dasselbe gilt auch für Ekel: Wenn wir jemanden sehen, der an etwas Schlechtem riecht und das Gesicht verzieht, werden in unserem Gehirn dieselben Regionen aktiv, die auch bei eigenem Ekelgefühl anspringen.

Diese Entdeckungen führten zur Theorie der körperlichen Simulation ("embodied Simulation"). Empathie ist demnach kein rein geistiger Prozess, bei dem wir rational nachvollziehen, wie sich jemand fühlt. Es ist ein direkter, fast automatischer Prozess, bei dem wir die Gefühle anderer verstehen, indem wir sie in unseren eigenen emotionalen Systemen nacherleben. Wir sind, wie Professor Rizzolatti es formuliert: "von Natur aus auf Mit-Gefühl geschaltet".

Wie & Wo Empathie wirkt

Die Erkenntnisse über Spiegelneuronen und Empathie haben eine Flut an Forschungsarbeiten in unterschiedlichen Disziplinen ausgelöst.

1. Psychologie und Psychiatrie:

Die vielleicht bedeutendsten Auswirkungen zeigen sich im Verständnis psychischer Störungen. Bei Autismus-Spektrum-Störungen (ASS), die oft mit Schwierigkeiten bei Beziehung oder sozialer Interaktion einhergehen. Einige Studien deuten darauf hin, dass das Spiegelsystem bei autistischen Menschen weniger aktiv oder gestört sein könnte, was das intuitive "Verstehen" von emotionalen Signalen erschwert. Auch wenn diese Hypothese noch nicht vollständig, bis ins Detail erklärt ist, hat sie die Forschung maßgeblich vorangetrieben.

Im Gegensatz dazu steht die Psychopathie. Hier scheint das Spiegelsystem für Handlungen voll funktionsfähig zu sein. Ein Psychopath kann die Absichten und sogar die Emotionen anderer sehr gut verstehen. Was dem Psychopath jedoch fehlt, ist das Mit-Gefühl, also die Verbindung zum eignen (limbischen) emotionalen System. Sie wissen, was du fühlst, aber sie fühlen es nicht mit.

2. Lernen und Bildung:

Empathie, besser gesagt das Spiegelungsprinzip ist die Grundlage des Lernens durch Imitation. Ob ein Kind das Sprechen, das Essen einer Suppe mit einem Löffel, ein Sportler eine neue Technik oder ein Chirurg eine komplexe Operation erlernt – die Beobachtung aktiviert die eigenen inneren Lernprozesse und beschleunigt somit das Lernen. Ein guter Unterricht beruht genau auf diesem Prinzip: Er veranschaulicht etwas, anstatt es nur zu erklären.

3. Marketing und Werbung:

Die Werbeindustrie macht sich (leider) die Macht der Empathie und Spiegelneuronen besonders zunutze. Ein Werbespot, der glückliche, lachende Menschen zeigt, die ein Produkt genießen, zielt darauf ab, dass der Zuschauer dieselbe positive Emotion innerlich miterlebt und dann mit der Marke verknüpft. Das Manipulative daran ist, dagegen können wir uns nicht wehren, weil der Prozess der Spiegelung autonom, also unabhängig von unserem Willen ist. Er wirkt, ob wir es wollen oder nicht. Das zeigt sich besonders deutlich bei Filmen: Wir fiebern mit dem Helden mit, weil unser Gehirn seine Anstrengungen und Emotionen miterlebt oder wie es die Wissenschaft nennt, simuliert.

4. Therapie:

In der Therapie oder Reha funktioniert die direkte und erfolgreiche Anwendung des Prinzips. Patienten nach einem Schlaganfall mit einer gelähmten Hand setzen sich vor einen Spiegel. Die eine Spiegelung ihrer gesunden, sich bewegenden Hand zeigt. Durch die Beobachtung dieser "gesunden" Bewegung im Spiegel werden die motorischen Areale im Gehirn, die für die gelähmte Hand zuständig sind, aktiviert. Dieser Trick kann dem Gehirn helfen, motorische Bahnen neu zu organisieren und die Funktion der betroffenen Gliedmaße zu verbessern. Ähnlich geschieht es mit dem Vorspielen einer Bewegung über Video, auch hier „bewegt sich unser Gehirn mit“, also es kopiert den Prozess. Kinder lernen nach demselbelben Prinzip von den Eltern gehen und laufen.

Wie Spiegelzellen unser Leben prägen

Abseits der Labore und Kliniken ist der Einfluss von Empathie ein ständiger Begleiter in unserem täglichen Leben.

  • Das ansteckende Gähnen: Der klassische und einfachste Beweis. Allein das Lesen über Gähnen kann es auslösen, weil unser Gehirn die Handlung simuliert.

  • Alltägliche Empathie: Wir zucken zusammen, wenn sich jemand in den Finger schneidet. Wir lächeln automatisch zurück, wenn wir angelächelt werden. All dies sind keine bewussten Entscheidungen, sondern direkte, vom Spiegelsystem vermittelte Reaktionen.

  • Sozialer Klebstoff: Das Spiegelsystem ist der Klebstoff, der Gruppen zusammenhält. Rituale wie Tanzen, Singen oder Lachen verbinden und synchronisieren die Gehirnaktivität der Teilnehmer und stärken das Gefühl der Zusammengehörigkeit und des Vertrauens. Kultur wird durch diesen Mechanismus von Generation zu Generation weitergegeben.

  • Die Kehrseite der Medaille: Das System hat aber auch eine andere, negative Seite, wie zum Beispiel Massenpanik oder kollektive Wut. Es macht uns dafür anfällig. In einer aufgebrachten Menge kann die Aggression oder Angst der anderen, die eigene beeinflussen und zu irrationalem Verhalten führen.

Ein realistische Blick auf die Empathie

Die Forschung ist spricht heute weniger von einzelnen "Spiegelneuronen" sondern mehr von einem umfassenden "Spiegelneuronensystem" oder "Resonanzsystem", in dem verschiedene Hirnareale zusammenarbeiten. Die Zukunft der Forschung liegt darin, dieses komplexe Zusammenspiel noch besser zu verstehen. Wie kommuniziert oder kooperiert das Spiegelsystem mit anderen Netzwerken, die für den Menschen zuständig sind, wie zum Beispiel Selbstkontrolle, Gefühlsbewertung und logisches Denken? Wie wird es durch Erfahrungen geformt?

Die Entdeckung der Spiegelneuronen hat unser Bild vom menschlichen Gehirn fundamental verändert. Sie hat gezeigt, dass unser Gehirn keine, von anderen Menschen unabhängige oder isolierte Rechenmaschine ist, sondern ein zutiefst soziales Organ, das permanent mit der Welt und den Mitmenschen in Verbindung steht. "Hirnentwicklung lässt sich überhaupt nur als ein Prozess von Beziehung beschreiben". (Gerald Hüther) Von der Art, wie wir lernen und lieben, bis hin zu den Grundlagen von Meinungen, Trends oder Gesellschaften. Das Echo oder die Kopie von Handlungen und Gefühle anderer in unserem Kopf ist eine der tiefgreifenden Kräfte, die uns zu dem machen, was wir sind. Soziale Wesen, die untrennbar miteinander verbunden sind. Das Verständnis dieses Mechanismus ist nicht nur ein wissenschaftlicher Triumph, sondern sollte oder könnte auch ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer empathischen und verständnisvolleren Gesellschaft sein.

Wie Spiegelneuronen die Wissenschaft revolutionierten

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