Ich fühle, also bin ich

GUTE GEFÜHLE

Die Verbindung von Gefühlen und Gedächtnis war in der Evolution enorm wichtig. Sie bewirkt, dass wir die Zukunft im Auge zu behalten und über Körperreaktionen (Gefühle) eine hilfreiche Orientierung zu erhalten. Gefühle erzeugen eine Grundstimmung im Gehirns und damit auch unserer Denkweise und unseres Lebensgefühls

in Kürze - worum geht's

Inhalt:

Wissenschaft - Ich fühle, also bin ich

Häufige Fragen zu "Ich fühle, also bin ich"

Dialog - dem Nachbar "die Meinung geigen"

Laut Antonio Damasio, dem zurzeit führenden Emotionsforscher sind Emotionen chemische Reaktionen im Gehirn, die dazu da sind, für unser Überleben vorteilhafte und günstige Umstände zu schaffen. „Gefühle steuern unser Verhalten, ohne dass wir uns darüber bewusst sind“, sagt Damasio

Hirnzellen (Neuronen), sind elektrisch erregbare Zellen, die mit Hilfe von chemischen Signalen Informationen aufnehmen, diese verarbeiten und weitergeben. Sie sind die grundlegenden Bausteine unseres Nervensystems. Um auf die Umwelt reagieren zu können, erzeugen Neurone spezielle Reize.

Solche Reize leiten uns in eine bestimmte Richtung. Antonio Damasio nennt die somatische Marker. Sie sind die Ursache und Anstoß für all unsere Entscheidungen, ohne dass wir dessen bewusst sind. Der kühle Kopf spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle, selbst wenn wir davon überzeugt sind oder es glauben.

Die Erforschung der Gefühle zeigt deutlich: Gefühle sind Signale von gespeicherten Erfahrungen, die wir im Leben bereits gemacht haben. Wir nehmen sie über den Körper als Empfindung wahr, wobei sie uns entweder warnen oder zu etwas motivieren. Gefühle sagen aber nicht: „Tu dies oder das“, sondern sie sagen: „sei vorsichtig“, wo wir schon mal Unangenehmes erlebt haben oder sagen: „mach es“, wo wir schon einmal Freude oder Erfolg hatten.

Warum fühlen wir?

Die Verbindung von Gefühlen und Gedächtnis war in der Evolution enorm wichtig und bewirkt, dass der Hirnteil, der unsere Gefühle beherbergt, einerseits unsere Zukunft im Auge behält, aber zugleich auch Körperreaktionen auslöst, die uns Orientierung geben sollen und steuern. Unser Körper beurteilt Gefühle nicht, weder moralisch, rechtlich oder rational, er reagiert einfach und für ihn haben sie Vorrang. Darin liegt auch die Ursache, warum eine ständige Überforderung oder Stress, uns erkranken lassen.

Der Umgang mit Gefühlen

Die allgemeine Meinung Dampf abzulassen sei befreiend, ist bekannt, macht aber bei andauernder Wiederholung wenig Sinn. Im Umgang mit negativen Gefühlen liegt ein zentrales Geheimnis. Die Art, wie wir im Alltag reagieren, beeinflusst vorrangig die Grundstimmung unsers Gehirns und damit auch unseres Lebensgefühls. Der Neurologe Richard Davidson und kommentiert dieses "Dampf ablassen" auf ironische Weise mit den Worten: „unser Gehirn ist ja kein Kochtopf“.

Eine Vielzahl an Untersuchungen zeigte, dass negative Gefühle – Zorn, Angst und Traurigkeit, aber auch Sorgen – starke Pulsschwankungen auslösen. Umgekehrt jedoch ebenso, dass wir unter dem Einfluss positiver Gefühle, aufmerksamer, wacher oder klüger werden, deshalb auch entspannter und kreativer handeln. Gute Gefühle steigern nicht nur die Immunkräfte (Resilienz), sondern ebenfalls die Motivation, wie auch die Kreativität. Mit anderen Worten, Intelligenz braucht Gefühle, vor allem positive.

Zusammenfassend

Wahre Intelligenz bedeutet die Botschaft der Gefühle zu verstehen. Wenn wir von Gefühlen sprechen, heißt das nicht, dass negative Gefühle ignoriert oder unterdrückt werden sollen. Gefühle sind gleichwertig und richtungsweisend wie ein Kompass. Eine zentrale Rolle spielt dabei jedoch das Verhältnis, denn je öfter wir ein gutes Gefühl haben, desto positiver und gesünder wirkt sich das auf unseren Organismus und somit auf unsere körperliche und seelische Gesundheit aus.

Gefühle sind subjektiv, das stimmt. Aber die wahrscheinlich wichtigste Nachricht ist, dass sich Gefühle auch ändern, wenn wir zum Beispiel positive Erfahrungen machen. Wir sind deshalb unseren (aktuellen) Gefühlen nicht ausgeliefert, denn sie wandeln sich, mit jedem positiven Ereignis oder Erlebnis das wir haben. Freude oder Wohlgefühl sind kein Lotteriegewinn, sondern das Ergebnis unserer Entscheidungen, entweder an den alten Erfahrungen festzuhalten oder neue einzugehen oder zuzulassen.

Ich fühle, also bin ich

Wissenschaft

Eine Geschichte im Alltag

6 min

Dem Nachbar mal "die Meinung geigen"

Die Szene: Ein gemütliches Cafe an einem sonnigen Nachmittag. Gisela rührt aufgewühlt in ihrem Cappuccino und wirkt innerlich angespannt

Personen:

  • Renate: Seniorin, liest gerne ist zeitgeistig und interessiert an neuen Erkenntnissen

  • Gisela: Eine Freundin, auch Seniorin, meist etwas besorgt und ihren Gewohnheiten treu

Gisela: „...und dann habe ich dem Nachbarn aber mal so richtig die Meinung gegeigt! Wegen der Mülltonnen, du weißt schon. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Lass es raus, Kind, Wut ist wie Dampf im Kessel, dem du Luft machen musst. Wenn du es runterschluckst, bekommst du nur Magengeschwüre.‘ Jetzt fühle ich mich zwar noch immer aufgeregt, aber auch erleichtert, man muss sich doch Luft machen, oder?“

Renate: (lächelt fraglich, während sie ihre Gabel beiseite legt) „Ach Gisela, genau darüber habe ich erst vor Kurzen einen hochinteressanten Artikel gelesen. Das mit dem Dampfkochtopf ist zwar eine alter Glaube ... stimmt aber so, wie man heute weiß, nicht mehr.“

Gisela: „Wie meinst du das bitte? Das ist doch bekannt und man sagt doch schon immer.“

Renate: „Ja, aber die Wissenschaft sieht das heute etwas anders. Es stimmt, dass man das schon lange glaubt, aber der Professor, Richard Davidson hieß der, glaube ich. Der sagt: Unser Gehirn funktioniert nicht wie ein Kochtopf, aus dem Dampf raus muss. Es funktioniert eher wie ein Muskel, den man trainiert. Das heißt, jedes Mal wenn du dich so aufregst und deinen Ärger rausbrüllst, dann trainierst du gewissermaßen dein Gehirn darauf, noch stärker oder besser im Wütendsein zu werden. Du baust quasi eine Ärger-Autobahn in deinem Kopf.“

Gisela: (hält kurz inne) „Na toll. Das heißt, ich werde im Alter immer grantiger und aufbrausender, weil ich es übe?“

Renate: „Fast könnte man es si sagen. Aber das Gute ist: Es funktioniert auch andersrum, denn wir können auch die Richtung ändern; das ist einzig und allein unsere Entscheidung“

Gisela: „Ach Renate, jetzt noch?... in unserem Alter? Ich bin eben, wie ich bin.“

Renate: „Eben nicht! Klar stimmst’s, du bist, wie du bist, aber das ist kein Zwang oder von mir aus, Schicksal. Du weißt doch, dass mich diese Themen interessieren und ich gerne, wann immer ich etwas finde, darüber lese. Es gibt noch einen anderen Wissenschaftler, ein Portugiese, sein Name ist Antonio Damasio. Er hat wirklich etwas Wunderschönes und sehr interessantes herausgefunden. Damasio sagt, dass all unsere Gefühle – also auch dein Bauchgrummeln wegen dem Nachbarn – gespeicherte Lebenserfahrung sind. Er nennt es ‚Somatische Marker‘. Das ist wie eine riesige Bibliothek in deinem Körper.“

Gisela: „Geanau, und meine Bibliothek sagt mir: Der Nachbar ist ein Idiot.“

Renate: (lacht kurz auf) „Da hast du wahrscheinlich recht, aber was Damasio meint, ist, wir sollten diese Gefühle besser als Wegweiser nutzen, und nicht als Zündstoff. Dein Körper sagt dir in diesem Augenblick, bevor du noch denken kannst, blitzschnell: ‚Diese Situation tut mir nicht gut.‘ Anstatt dich in deine Wut hineinzusteigern, könntest du auf diese Signal hören und dich fragen: Was brauche ich jetzt, damit es mir gut geht? ... denn, diesen Typen wird ich kaum ändern können. Beispielsweise könntest du einfach das Fenster zu machen und Musik hören, statt dich über ihn zu ärgern und zu streiten?“

Gisela: „Du meinst also mehr auf mich achten, statt auf ihn?“

Renate: „Gena; das meine ich. Und da kommt sogar noch eine dritte Forscherin ins Spiel, Barbara Fredrickson. Sie hat nämlich bewiesen, dass gute Gefühle – wie jetzt hier unser Kaffee oder die Sonne da draussen – uns entspannen und unseren Geist frei machen. Ärger macht uns engstirnig, wie ein Tunnel, in dem wir stecken, solange wir verärgert sind oder bleiben. Aber Freude öffnet ihn. Fredrickson sagt, positive Gefühle machen uns sogar im Alter noch geistig flexibler und halten uns, was vielleicht noch wichtiger ist, gesund“

Gisela: (schaut aus dem Fenster in die Sonne) „Den Geist frei machen... das klingt schön. Ich merke ja selbst, wenn ich mich über diesen Typen ärgere, dass es mich nur müde macht. Ich dachte immer, die Gefühle sind halt da und da kann man nichts machen.“

Renate: „Doch, doch; ... heute ist klar, wir können entscheiden, welche Gefühle wir füttern oder verstärken. Gerade wir haben jetzt die Zeit dazu, Gisela. Wir, müssen niemandem mehr etwas beweisen, auch nicht mehr ‚funktionieren‘ oder die Zähne zusammenbeißen. Du drehst ja auch das Radio leiser, wenn es für dich zu laut ist und denkst nicht, das müssen meine Ohren aushalten, oder? Wir dürfen uns aussuchen, was uns gut tut oder nicht und in jedem Fall, ob wir die Ärger-Autobahn ausbauen oder einfach den Weg der Gelassenheit gehen möchten. Wie du schon gesagt hast, dein Ärger wird ihn nicht ändern, aber im ungünstigen Fall dich.“

Gisela: (nimmt einen genüsslichen Schluck Kaffee) „Weißt du was? Der Nachbar kann mich mal gernhaben. Dieser Käsekuchen hier... und das steht fest, .... der ist gerade viel wichtiger für meine ‚Somatischen Marker‘.“ (beide lachen hörbar auf)

Renate: (hebt ihre Tasse) „Auf deine somatischen Marker, Gisela. (beide lachen wieder). Und darauf, ob du dir die Stimmung von irgendjemand vermiesen lässt, nur weil er ein Idiot ist. Es ist sicher niemals zu spät, das Leben zu genießen.“

Gisela: „Ich fühle, und so bin ich. War das so?“

Renate: „So ähnlich, aber genau so stimmt‘s.

Häufige Fragen - ich fühle, also bin ich

Ich habe mein Leben lang gelernt, mit einem "kühlen Kopf" zu entscheiden. Sagt dieser Artikel, dass das falsch war und meine Gefühle mich die ganze Zeit gesteuert haben?

Die Forschung von Antonio Damasio zeigt, dass wir oft denken, wir entscheiden mit dem Verstand, aber, dass Gefühle dabei eine viel größere Rolle spielen, als uns das bewusst ist. Was wir allgemein als „Bauchgefühl“ bezeichnen, sind Erfahrungen, die sich in unserem Körpergedächtnis festgesetzt haben. Damasio nennt sie „somatische Marker“. Sie helfen uns, schnelle Entscheidungen zu treffen, indem sie uns warnen oder uns zu etwas Gutem hinlenken. Natürlich ist nicht falsch, vernünftig zu sein, aber es zeigt sich, dass Vernunft und Gefühle im besten Fall zusammenarbeiten sollten, um wirklich gute und vorausschauende Entscheidungen zu treffen.

Wenn Gefühle so mächtig sind und sogar meine Gesundheit beeinflussen, bin ich ihnen dann ausgeliefert? Ich kann meine Gefühle doch nicht abstellen oder ändern.

Nein, wir sind Gefühlen keineswegs ausgeliefert! Gefühle resultieren aus Erfahrungen und wandeln sich, wenn wir neue, zum Beispiel positive Erfahrungen machen, aber natürlich nur wenn wir es zulassen. Das ist eine gute Nachricht, weil Gefühle nicht festsitzen, sondern sich ändern, wenn wir neue Erfahrungen machen. Freude oder Wohlgefühl sind, auch wenn es oft geglaubt wird, kein Zufall, sondern das Ergebnis unserer persönlichen Entscheidungen, wie wir mit alten, aber vor allem neuen Erlebnissen umgehen und welche wir zulassen.

Ich mache mir oft Sorgen um meine Gesundheit. Hängen meine Gefühle damit zusammen, dass ich manchmal körperliche Beschwerden habe?

Unser Körper reagiert direkt auf unsere Gefühle. Negative Gefühle wie Zorn, Angst, Traurigkeit oder Sorgen können beispielsweise starke Pulsschwankungen auslösen. Der Körper beurteilt Gefühle nicht, nach moralischen oder rechtlichen Aspekten, er reagiert einfach. Darin liegt die Ursache, warum Stress, oder ständige Überforderung, seelische Erkrankungen wie Depressionen, in uns hervorrufen können, mit anderen Worten körperlich erkranken lassen. Das bedeutet aber auch, dass positive Gefühle wie Freude oder Dankbarkeit sich positiv auf Ihre körperliche und seelische Gesundheit auswirken.

Hier ist ständig von „positiven Gefühle“ die Rede. Heißt das, ich soll meine negativen Gefühle einfach ignorieren? Das fühlt sich nicht richtig an.

Keineswegs! „Wenn wir von positiven Gefühlen gesprochen wird, dann bedeutet das nicht, dass negative Gefühle nicht stattfinden dürfen oder ignoriert werden sollen. Im Gegenteil, Gefühle sind wichtige Signale, beispielsweise ähnlich einer Ampel, da geht es auch nicht darum Signale zu ignorieren, sondern darauf zu achten. Alle Gefühle gleich wichtig. Deshalb geht es nicht darum, negative Gefühle zu unterdrücken, sondern nur auf das Verhältnis zu achten.. Ein Überwiegen von positiven Gefühlen ist von Vorteil und entscheidend für unser Wohlbefinden und Gesundheit und nachdem wir unsere Gefühlswelt beeinflussen können, sich die Frage zu stellen, "welche Möglichkeiten habe ich, damit es mir besser geht.

Kann ich auch im Alter noch lernen, meine Gefühle zu verstehen und zu nutzen, um mich wohler zu fühlen?

In jedem Fall! Gefühle verändern sich, wenn wir neue, positive Erfahrungen zulassen. Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig und vor allem auch -willig. Das oberste Ziel des Gehirns ist Wohlbefinden (siehe Susanne Greenfield), was wir durch positive Erlebnisse fördern können. Das Gehirn strebt ständig das Gefühl von Kohärenz, also innere Stimmigkeit an. Dafür hat es sogar ein ziemlich simples und eindeutiges Merkmal – ein Lächeln. Indem wir gezielt positive Erlebnisse suchen und zulassen, fördern wir diese innere Stimmigkeit oder Kohärenz. Dafür gibt kein zu spät.

Wie kann ich das in meinem Alter noch lernen?

Es geht, das eigene Wohlbefinden aktiv zu gestalten. Unser Gehirn ist enorm anpassungsfähig, und wir können selbst im Alter neue Wege lernen. Praktisch bedeutet das:

Achtsamkeit für kleine Freuden: Versuchen Sie, die kleinen positiven Momente im Alltag wahrzunehmen und zu genießen. Ein Sonnenstrahl, ein nettes Gespräch, ein gutes Essen – diese kleinen positiven Erlebnisse summieren sich.

positive Erinnerungen aktivieren: Da Gefühle können auch durch Erinnerungen ausgelöst werden, wenn Sie zum Beispiel bewusst schöne Erinnerungen wachrufen. Musik, Fotos, bestimmte Düfte oder Speisen, können positive Gefühle hervorrufen.

Beziehungen fördern Sie den Austausch mit Menschen (Freunden, Familie oder Nachbarn), welche Ihrer Empfindung gut tun, also sympathisch sind. Dies kann eine wichtige Quelle für Freude, wie auch Verbundenheit sein.

Sich selbst Gutes tun: Ob es ein Spaziergang ist, ein Hobby oder einfach eine Tasse Tee in Ruhe – tun Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten und Sie entspannen.

Ein freundlicher Umgang mit sich selbst: Gerade im Alter hadert man manchmal mit sich selbst oder mit Ereignissen in seiner Vergangenheit. Kein Mensch begeht absichtlich Fehler und Selbstkritik ändert daran bestimmt nichts. Ein freundlicher, verständnisvoller und verzeihlicher Umgang mit sich selbst – das zeigen etliche Studien - kann jedoch vieles ändern und Positives bewirken.

Jede dieser Handlungen kann dazu beitragen, das Verhältnis von positiven zu negativen Gefühlen zu verbessern, was sich wiederum auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden auswirkt.

häufige Fragen und Antworten

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