Ich fühle, also bin ich

GUTE GEFÜHLE

Die Verbindung von Gefühlen und Gedächtnis war in der Evolution enorm wichtig. Sie bewirkt, dass wir die Zukunft im Auge zu behalten und über Körperreaktionen (Gefühle) eine hilfreiche Orientierung zu erhalten. Gefühle erzeugen eine Grundstimmung im Gehirn und damit auch unserer Denkweise und unseres Lebensgefühls

in Kürze - worum geht's
Wissen - Ich fühle, also bin ich

Hirnzellen (Neuronen), sind elektrisch erregbare Zellen, die über chemische Signale Informationen aufnehmen, diese dann verarbeiten und weitergeben. Sie sind die grundlegenden Bausteine unseres Nervensystems. Um auf die Umwelt reagieren zu können, erzeugen Neurone spezielle Reize.

Laut Antonio Damasio, dem zurzeit führenden Emotionsforscher sind Emotionen chemische Reaktionen im Gehirn, die dazu da sind, unser Überleben zu sichern, sowie vorteilhafte und günstige Umstände zu schaffen. „Gefühle steuern zu einem Großteil unser Verhalten, ohne dass wir uns dessen überhaupt bewusst sind“.

„Solche Reize leiten uns in eine bestimmte Richtung“, sagt Damasio. Er nennt sie somatische Marker. Sie sind Ursache und Anstoß für all unsere Entscheidungen, ohne dass wir wissen warum. Der kühle Kopf spielt dabei meist eine untergeordnete Rolle, selbst wenn wir es glauben oder davon überzeugt sind.

Damit widerlegte Damasio das über dreihundert Jahre bestehende Paradigma von Descartes „Ich denke, also bin ich“. Natürlich spielen Gedanken eine wichtige Rolle, aber letztendlich sind es die Gefühle, die über unser Befinden und in Folge auch über unsere Lebensqualität und Gesundheit entscheiden.

Warum fühlen wir überhaupt?

Die Erforschung der Gefühle zeigt anschaulich: Gefühle haben eine wichtige Signalfunktion. Sie erinnern uns an Erfahrungen, die wir im Leben bereits gemacht haben. Positiv wie negativ. Wir nehmen sie über den Körper als Empfindung wahr, wobei sie uns warnen oder zu etwas motivieren. Gefühle sagen jedoch nicht: „Tu dies oder das“, sondern sagen: „sei vorsichtig“, wo wir schon mal Unangenehmes erlebt haben oder sagen: „mach es wieder“, wo wir schon Freude oder Erfolg hatten.

Die Verbindung von Gefühlen und Gedächtnis war in der Evolution äußerst wichtig und bewirkt, dass der Hirnteil, der unsere Gefühle beherbergt, einerseits unsere Zukunft im Auge behält, aber zugleich auch Körperreaktionen auslöst, die uns Orientierung geben sollen und steuern. Unser Körper beurteilt Gefühle nicht, weder moralisch, rechtlich oder rational, er reagiert einfach und für ihn haben sie Vorrang. Darin liegt auch die Ursache, warum eine ständige Überforderung oder Stress, uns langfristig auch erkranken lassen.

Der Umgang mit Gefühlen

Die allgemeine Meinung Dampf abzulassen sei befreiend, ist ja bekannt, macht aber bei atändiger Wiederholung wenig Sinn. Im Umgang mit negativen Gefühlen liegt ein zentrales Geheimnis. Die Art und Weise, wie wir im Alltag reagieren, beeinflusst vorrangig die Grundstimmung unsers Gehirns und damit auch unseres Lebensgefühls. Der Neurologe Richard Davidson kommentiert dieses "Dampf ablassen" auf ironischer Weise mit den Worten: „unser Gehirn ist ja kein Kochtopf“.

Eine Vielzahl an Untersuchungen zeigte, dass negative Gefühle – wie Zorn, Angst oder Wut, aber auch Traurigkeit und Sorgen – starke Pulsschwankungen auslösen. Umgekehrt aber ebenso, dass wir unter dem Einfluss positiver Gefühle, aufmerksamer, wacher oder klüger werden, und zugleich entspannter und kreativer handeln. Gute Gefühle steigern nicht nur die Immunkräfte (Resilienz), sondern ebenfalls die Motivation, wie auch die Kreativität. Mit anderen Worten, Intelligenz braucht Gefühle, aber in erster Linie positive.

Emotionale Intelligez

Wahre Intelligenz bedeutet die Signale und Botschaften der Gefühle zu verstehen. Wenn wir von Gefühlen sprechen, heißt es nicht, dass wir negative Gefühle ignorieren oder unterdrücken sollen. Gefühle sind grundsätzlich gleichwertig aber in ihrer Funktion richtungsweisend wie ein Kompass. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Verhältnis, denn je öfter wir ein gutes Gefühl haben, desto positiver und gesünder wirkt sich das auf unseren Organismus und somit auf unsere körperliche und seelische Gesundheit aus.

Gefühle sind subjektiv, das stimmt natürlich. Aber die vielleicht wichtigste Nachricht ist, dass Gefühle keine fixen Prägungen, sondern veränderlich sind. Wenn wir beispielsweise neue positive Erfahrungen machen, werden alte Erfahrungen und Gefühle „überschrieben“ oder wie man heute sagen würde, es wird ein Update gemacht. (Lesen oder hören Sie diesen Beitrag) Damit sind wir unseren Gefühlen nicht ausgeliefert, denn sie wandeln sich, mit jedem positiven Ereignis oder Erlebnis das wir haben. Freude oder Wohlgefühl sind kein Lotteriegewinn, sondern das Ergebnis unserer Entscheidungen, entweder an alten Erfahrungen festzuhalten oder neue einzugehen und zuzulassen.

Ich fühle, also bin ich

Im Cafe - Dampf ablassen oder?
Muss doch meinen Dampf ablassen oder?

Die Szene: Ein gemütliches Cafe an einem sonnigen Nachmittag. Gisela rührt aufgewühlt in ihrem Cappuccino und wirkt innerlich angespannt

Helga: „...und dann habe ich dem Chef von diesem billigen Ramschladen da unten, mal gehörig meine Meinung gesagt. Wegen der Mülltonnen und dem ganzen Dreck, der von ihm kommt, du weißt schon. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Lass es raus, Kind, Wut ist wie Dampf im Kessel, dem du Luft machen musst. Wenn du es runterschluckst, bekommst du nur Magengeschwüre.‘ Jetzt fühle ich mich zwar noch aufgeregt, aber auch erleichtert, man muss sich doch Luft machen, oder?“

Renate: (lächelt fraglich, während sie ihre Gabel beiseite legt) „Ach Helga, erst vor Kurzen habe ich genau darüber einen interessanten Artikel gelesen. Das mit dem Dampf ablassen ist zwar eine alter Glaube ... stimmt aber so, wie man heute weiß, nicht mehr.“

Helga: „Wie meinst du das bitte? Das ist doch bekannt und man sagt doch schon immer.“

Renate: „Ja, aber die Wissenschaft sieht das heute etwas anders. Es stimmt, dass man das schon lange glaubt, aber der Professor, Richard Davidson hieß der, glaube ich, der sagt: Unser Hirn ist ja kein Kochtopf, aus dem Dampf raus muss. Er vergleicht es eher mit einem Muskel, den man trainiert, wenn man etwas tut. Das heißt, jedes Mal wenn du dich so aufregst und deinen Ärger rausbrüllst, dann trainierst du gewissermaßen dein Gehirn darauf, noch stärker oder besser im Wütendsein zu werden. Du baust quasi eine Ärger-Autobahn in deinem Kopf.“

Helga: (hält kurz inne) „Na toll. Das heißt, ich werde im Alter immer grantiger und aufbrausender, weil ich es übe?“

Renate: „Könnte man fast so sagen. Aber das Gute ist: Es funktioniert auch andersrum, denn wir können auch die Richtung ändern, wenn wir das wollen, das ist einzig und allein unsere Entscheidung“

Helga: „Ach Renate, jetzt noch?... in unserem Alter? Ich bin eben, wie ich bin.“

Renate: „Klar stimmst’s, du bist, wie du bist, aber das ist kein Zwang oder von mir aus Schicksal. Du weißt doch, dass mich diese Themen interessieren und ich gerne, wann immer ich etwas finde, darüber lese. Unsere Gefühle sind einfach nur Erfahrungen und in uns gespeichert sind, wie in einer Bibliothek.

Helga: „Genau, und meine Bibliothek sagt mir: Der Chef von diesem Ramschladen ist ein Idiot.“

Renate: (lacht kurz auf) „Da hast du wahrscheinlich recht, aber anstatt dich zu ärgern und in deine Wut hineinzusteigern, könntest du dich auch mal fragen: Was brauche ich jetzt, damit es mir gut geht? ... denn, diesen Typen wirst du wohl kaum ändern können. Ruf von mir aus die Hausverwaltung an, sag ihnen in aller Ruhe was los ist und die sollen sich darum kümmern. Damit hat es sich. Und dann versuchst du dir etwas Gutes zu tun, anstatt dich weiter über diesen Menschen aufzuregen.

Helga: „Du meinst also mehr auf mich achten, statt auf ihn?“

Renate: „Genau; das meine ich. Mittlerweile weiß man, dass negative Gefühle und Emotionen unser Immunsystem schwächen und uns krank machen. Barbara Fredrickson zum Beispiel hat bewiesen, dass gute Gefühle – wie jetzt hier unser Kaffee oder die Sonne da draussen – uns entspannen, gut tun und unseren Geist frei machen. Ärger macht uns engstirnig, wie ein Tunnel, in dem wir stecken, solange wir verärgert sind.“

Helga: „Den Geist frei machen... das klingt schön. Ich merke ja selbst, wenn ich mich über diesen Typen ärgere, wie es mich müde macht. Ich dachte immer, die Gefühle sind halt da und da kann man nichts machen.“

Renate: „Natürlich stimmt’s, dass Gefühle plötzlich auftauchen, aber wir können entscheiden, ob sie uns gut tun und welche wir haben wollen. Du drehst ja auch das Radio leiser, wenn es für dich zu laut ist und denkst nicht, das müssen meine Ohren jetzt aushalten, oder? Wie schon gesagt, dein Ärger wird ihn sicher nicht ändern, aber im ungünstigen Fall dich. Wir müssen niemandem mehr etwas beweisen oder die Zähne zusammenbeißen. Wir sollten uns vielmehr darum kümmern, dass es uns gut geht.

Helga: (nimmt einen genüsslichen Schluck Kaffee) „Weißt du was? Der Nachbar kann mich mal gernhaben. Dieser Käsekuchen hier... und das steht fest, .... der ist gerade viel wichtiger für meine Gefühle“ (beide lachen hörbar auf)

Renate: (hebt ihre Tasse) „Auf den Käsekuchen und darauf, ob du dir die Stimmung von irgendjemand vermiesen lässt, nur weil er ein Idiot ist. Es ist sicher niemals zu spät, sein Leben zu genießen.“

Helga: „Ich fühle, und so bin ich. War das so?“

Renate: „So ähnlich, aber genau so stimmt‘s.

Häufige Fragen - ich fühle, also bin ich

Ich habe mein Leben lang gelernt, mit einem "kühlen Kopf" zu entscheiden. Sagt dieser Artikel, dass das falsch war und meine Gefühle mich die ganze Zeit gesteuert haben?

Die Forschung von Antonio Damasio zeigt, dass wir oft denken, wir entscheiden mit dem Verstand, aber, dass Gefühle dabei eine viel größere Rolle spielen, als uns das bewusst ist. Was wir allgemein als „Bauchgefühl“ bezeichnen, sind Erfahrungen, die sich in unserem Körpergedächtnis festgesetzt haben. Damasio nennt sie „somatische Marker“. Sie helfen uns, schnelle Entscheidungen zu treffen, indem sie uns warnen oder uns zu etwas Gutem hinlenken. Natürlich ist nicht falsch, vernünftig zu sein, aber es zeigt sich, dass Vernunft und Gefühle im besten Fall zusammenarbeiten sollten, um wirklich gute und vorausschauende Entscheidungen zu treffen.

Wenn Gefühle so mächtig sind und sogar meine Gesundheit beeinflussen, bin ich ihnen dann ausgeliefert? Ich kann meine Gefühle doch nicht abstellen oder ändern.

Nein, wir sind Gefühlen keineswegs ausgeliefert! Gefühle resultieren aus Erfahrungen und wandeln sich, wenn wir neue, zum Beispiel positive Erfahrungen machen, aber natürlich nur wenn wir es zulassen. Das ist eine gute Nachricht, weil Gefühle nicht festsitzen, sondern sich ändern, wenn wir neue Erfahrungen machen. Freude oder Wohlgefühl sind, auch wenn es oft geglaubt wird, kein Zufall, sondern das Ergebnis unserer persönlichen Entscheidungen, wie wir mit alten, aber vor allem neuen Erlebnissen umgehen und welche wir zulassen.

Ich mache mir oft Sorgen um meine Gesundheit. Hängen meine Gefühle damit zusammen, dass ich manchmal körperliche Beschwerden habe?

Unser Körper reagiert direkt auf unsere Gefühle. Negative Gefühle wie Zorn, Angst, Traurigkeit oder Sorgen können beispielsweise starke Pulsschwankungen auslösen. Der Körper beurteilt Gefühle nicht, nach moralischen oder rechtlichen Aspekten, er reagiert einfach. Darin liegt die Ursache, warum Stress, oder ständige Überforderung, seelische Erkrankungen wie Depressionen, in uns hervorrufen können, mit anderen Worten körperlich erkranken lassen. Das bedeutet aber auch, dass positive Gefühle wie Freude oder Dankbarkeit sich positiv auf Ihre körperliche und seelische Gesundheit auswirken.

Hier ist ständig von „positiven Gefühle“ die Rede. Heißt das, ich soll meine negativen Gefühle einfach ignorieren? Das fühlt sich nicht richtig an.

Keineswegs! „Wenn wir von positiven Gefühlen gesprochen wird, dann bedeutet das nicht, dass negative Gefühle nicht stattfinden dürfen oder ignoriert werden sollen. Im Gegenteil, Gefühle sind wichtige Signale, beispielsweise ähnlich einer Ampel, da geht es auch nicht darum Signale zu ignorieren, sondern darauf zu achten. Alle Gefühle gleich wichtig. Deshalb geht es nicht darum, negative Gefühle zu unterdrücken, sondern nur auf das Verhältnis zu achten.. Ein Überwiegen von positiven Gefühlen ist von Vorteil und entscheidend für unser Wohlbefinden und Gesundheit und nachdem wir unsere Gefühlswelt beeinflussen können, sich die Frage zu stellen, "welche Möglichkeiten habe ich, damit es mir besser geht.

Kann ich auch im Alter noch lernen, meine Gefühle zu verstehen und zu nutzen, um mich wohler zu fühlen?

In jedem Fall! Gefühle verändern sich, wenn wir neue, positive Erfahrungen zulassen. Unser Gehirn ist lebenslang lernfähig und vor allem auch -willig. Das oberste Ziel des Gehirns ist Wohlbefinden (siehe Susanne Greenfield), was wir durch positive Erlebnisse fördern können. Das Gehirn strebt ständig das Gefühl von Kohärenz, also innere Stimmigkeit an. Dafür hat es sogar ein ziemlich simples und eindeutiges Merkmal – ein Lächeln. Indem wir gezielt positive Erlebnisse suchen und zulassen, fördern wir diese innere Stimmigkeit oder Kohärenz. Dafür gibt kein zu spät.

Wie kann ich das in meinem Alter noch lernen?

Es geht, das eigene Wohlbefinden aktiv zu gestalten. Unser Gehirn ist enorm anpassungsfähig, und wir können selbst im Alter neue Wege lernen. Praktisch bedeutet das:

Achtsamkeit für kleine Freuden: Versuchen Sie, die kleinen positiven Momente im Alltag wahrzunehmen und zu genießen. Ein Sonnenstrahl, ein nettes Gespräch, ein gutes Essen – diese kleinen positiven Erlebnisse summieren sich.

positive Erinnerungen aktivieren: Da Gefühle können auch durch Erinnerungen ausgelöst werden, wenn Sie zum Beispiel bewusst schöne Erinnerungen wachrufen. Musik, Fotos, bestimmte Düfte oder Speisen, können positive Gefühle hervorrufen.

Beziehungen fördern Sie den Austausch mit Menschen (Freunden, Familie oder Nachbarn), welche Ihrer Empfindung gut tun, also sympathisch sind. Dies kann eine wichtige Quelle für Freude, wie auch Verbundenheit sein.

Sich selbst Gutes tun: Ob es ein Spaziergang ist, ein Hobby oder einfach eine Tasse Tee in Ruhe – tun Sie Dinge, die Ihnen Freude bereiten und Sie entspannen.

Ein freundlicher Umgang mit sich selbst: Gerade im Alter hadert man manchmal mit sich selbst oder mit Ereignissen in seiner Vergangenheit. Kein Mensch begeht absichtlich Fehler und Selbstkritik ändert daran bestimmt nichts. Ein freundlicher, verständnisvoller und verzeihlicher Umgang mit sich selbst – das zeigen etliche Studien - kann jedoch vieles ändern und Positives bewirken.

Jede dieser Handlungen kann dazu beitragen, das Verhältnis von positiven zu negativen Gefühlen zu verbessern, was sich wiederum auf Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden auswirkt.

häufige Fragen und Antworten

themenverwandte Artikel