Können Gedanken die Realität verändern?

TED Vortrag - Alia Crum

Können Gedanken die Realität verändern?

Transskript deutsch

Haben Sie gewusst, dass die Denkweise einen direkten Einfluss auf den Körper hat?

Dr. Alia Crum ist eine Psychologin und Forscherin, die genau das untersucht. Sie erforscht, wie die innere Einstellung oder Denkweise zu erstaunlichen Ergebnissen führen kann. Ihre Arbeit ist inspiriert, wie unsere Gedanken unsere Gesundheit und unser Verhalten beeinflussen. Dr. Crum möchte herausfinden, wie wir durch eine veränderte Einstellung oder Denkweise die, besser gesagt unsere persönliche Realität positiv gestalten können.

0:03 Heute möchte ich Ihnen erzählen, wie unsere Denkweise oder unser „Mindset“, fast jeden Bereich unseres Lebens beeinflusst.

0:10 Ich beginne mit einer Geschichte über eine Gruppe von Forschern in Italien. Dr. Fabrizio Benedetti und seine Kollegen haben Patienten untersucht, die sich einer Operation am Brustkorb unterziehen mussten.

0:23 Sie müssen wissen, dass eine solche Operation ein schwerer Eingriff ist. Die Patienten bekommen eine Vollnarkose, während die Chirurgen große Schnitte an den Seiten und am Rücken machen, um an Herz und Lunge zu gelangen.Etwa eine Stunde, nachdem die Narkose nachlässt, setzen die Schmerzen ein. Zum Glück erhalten die Patienten starke Schmerzmittel (Morphiumsulfat), ein hochwirksames Mittel. Das ist die übliche Behandlung. Dr. Benedetti und sein Team haben jedoch eine kleine Änderung vorgenommen: Die eine Hälfte der Patienten erhielt das Morphium von einem Arzt direkt am Bett. Die andere Hälfte bekam genau die gleiche Dosis, aber über eine vorprogrammierte Pumpe, die an ihren Tropf angeschlossen war.

1:25 Man sollte meinen, dass beide Gruppen die gleiche Schmerzlinderung erfahren haben, aber das war nicht der Fall. Die Gruppe, die das Morphium vom Arzt erhielt, berichtete über eine deutlich stärkere Linderung ihrer Schmerzen. Die andere Gruppe, die ebenso die Menge an Morphium über die Pumpe erhielt, schien nicht den gleichen Nutzen zu haben.

1:56 Dr. Benedetti und seine Kollegen machten weiter. Sie nutzten das gleiche Vorgehen, um die Wirksamkeit anderer Behandlungen zu testen – bei Angstzuständen, der Parkinson-Krankheit oder bei Bluthochdruck. Was sie herausfanden, war bemerkenswert und durchweg gleich: Wenn die Patienten wussten, dass sie eine Behandlung erhielten und einen Nutzen erwarteten, war die Behandlung hochwirksam. Wenn sie es aber nicht wussten, war die Wirkung desselben Medikaments, derselben Pille oder desselben Verfahrens abgeschwächt und in manchen Fällen sogar gar nicht vorhanden.

2:35 Als ich als Studentin an der Harvard University von diesen Studien las, beschäftigte ich mich intensiv mit der Literatur zum Placebo-Effekt. Und je mehr ich las, desto mehr dachte ich über die wahre Natur von Placebos nach. Was ist der Placebo-Effekt wirklich?

2:54 Die meisten Leute tun den Placebo-Effekt als eine Art magische Reaktion auf eine Schein-Pille oder eine vorgetäuschte Behandlung ab, aber das ist er nicht. Beim Placebo-Effekt geht es nicht um die Schein-Pille, die Zuckerpille oder das Schein-Verfahren.

3:12 Der Placebo-Effekt ist ein kraftvoller und beständiger Beweis für die Fähigkeit unserer Denkweise oder inneren Haltung – in diesem Fall die Erwartung zu heilen – die Heilkräfte im Körper zu aktivieren.

3:29 Was ist also eine innere Haltung, ein „Mindset“? Es ist wie eine Brille oder ein Rahmen, durch den wir die Welt sehen. Wir vereinfachen damit die Zahl möglicher Interpretationen in jedem Moment. Diese Fähigkeit, unsere Welt durch unsere Denkweise zu vereinfachen, ist ein natürlicher Teil des Menschseins.

3:54 Aber ich möchte Ihnen heute nahelegen, dass diese inneren Haltungen nicht belanglos sind. Im Gegenteil, sie spielen eine entscheidende Rolle für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden.

4:07 Während meiner Zeit in Harvard hatte ich die Gelegenheit, mit Professorin Ellen Langer zu arbeiten. Sie ist Psychologieprofessorin, und als sie hörte, dass ich Leistungssportlerin war, lachte sie und sagte: „Weißt du, Sport ist doch nur ein Placebo, oder?“

4:24 Ich war zuerst beleidigt, denn ich trainierte damals bis zu vier Stunden am Tag, um meinen Körper in Topform zu bringen. Aber sie brachte mich zum Nachdenken über unsere innere Haltung und darüber, wie sie auch außerhalb der Medizin eine Rolle spielen kann. Wurde ich besser und stärker wegen der Zeit, die ich ins Training steckte? Oder wurde ich besser und stärker, weil ich daran glaubte, dass es so ist?

4:53 Wie sieht das bei anderen Menschen aus? Was, wenn Menschen eine außerordentliche Menge an Bewegung machen, sich aber dessen nicht bewusst sind? Würden sie nicht den selben Nutzen daraus ziehen, ob sie es wüssten oder nicht? Wir beschlossen, das zu testen und fanden dafür eine einzigartige Gruppe von 84 Zimmermädchen in sieben verschiedenen Hotels in den USA.

5:15 Diese Frauen sind den ganzen Tag auf den Beinen. Sie benutzen eine Vielzahl von Muskeln und verbrennen bei ihrer Arbeit eine enorme Menge an Kalorien. Das Interessante ist aber, dass diese Frauen ihre Arbeit aus diesem Blickwinkel nicht so sehen.

5:31 Wir befragten sie: „Machen Sie regelmäßig Sport?“ Und zwei Drittel sagten: „Nein.“ Also fragten wir: „Okay, auf einer Skala von null bis zehn, wie viel Bewegung bekommen Sie täglich?“ Und ein Drittel von ihnen sagte: „Null, überhaupt keine Bewegung.“

5:50 Wir fragten uns, was passieren würde, wenn sie ihre Denkweise oder innere Einstellung ändern würden. Also teilten wir die Frauen in zwei Gruppen auf. Wir maßen bei ihnen verschiedenste Werte, darunter ihr Gewicht, ihren Blutdruck, ihren Körperfettanteil und ihre Zufriedenheit mit dem Job.

6:09 Dann nahmen wir die eine Hälfte von ihnen und gaben ihnen eine einfache 15-minütige Präsentation. Wir zeigten ihnen ein Plakat und sagten: „Ihre Arbeit ist Bewegung. Sie erfüllt die Anforderungen des obersten Gesundheitsbeamten, die ganz einfach darin bestehen, etwa 30 Minuten moderate körperliche Aktivität anzusammeln.“

6:27 Wir kamen vier Wochen später zurück und maßen sie erneut. Es überrascht nicht, dass sich bei den Gruppen, die diese Information nicht erhalten hatten, nichts änderte. Aber die, die unsere Infrmation über Bewegung erhalten hatten, sahen anders aus.

6:44 Sie nahmen ab, hatten eine deutliche Senkung des Blutdrucks, verloren Körperfett und gaben an, dass ihnen die Arbeit mehr Spaß machte. (Gelächter)

6:58 Was sagt uns das? Für mich war es faszinierend, dass allein durch eine einfache 15-minütige Präsentation das ganze Spiel verändert wurde und eine Kaskade von Effekten auf ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden ausgelöst wurde. Vermutlich, ohne dass sie ihr Verhalten oder Arbeit geändert hatten.

7:24 Einige denken jetzt vielleicht: „Woher wisst ihr, dass sie ihr Verhalten nicht geändert haben? Denn das muss doch die Effekte ausgelöst haben.“ Wir wissen, dass sie nicht mehr gearbeitet haben, und die Zimmermädchen versicherten uns, dass sie nicht zum Sportclub gegangen sind. Aber natürlich können wir nicht ausschließen, ob sie nicht doch ein bisschen mehr Schwung ins Bettenmachen gelegt haben.

7:46 Diese Frage hat mich wirklich beschäftigt. Gibt es eine direkte, unmittelbare Verbindung zwischen unserer inneren Einstellung und unserem Körper?

7:56 Um das zu testen, arbeitete ich mit Kollegen an der Yale University,und wir stellten Milchshakes her. Wir luden Leute ins Labor ein, um die Milchshakes zu probieren, und im Gegenzug gaben wir ihnen 75 Dollar.

8:16 Klingt gut, oder? Der weniger ansprechende Teil der Vereinbarung war, dass wir sie, während sie die Shakes tranken, an einen Tropf anschlossen, um Blutproben zu nehmen. Wir wollten Ghrelin messen. Ghrelin ist ein Peptid, das im Darm ausgeschüttet wird; Mediziner nennen es das Hungerhormon.

8:40 Wenn wir eine Weile nichts gegessen haben, beginnt unser Ghrelinspiegel zu steigen und signalisiert dem Gehirn: „Es ist Zeit, nach Essen zu suchen.“ Gleichzeitig wird unser Stoffwechsel verlangsamt, für den Fall, dass wir kein Essen finden. Wenn wir dann aber einen Milchshake, einen Hamburger und Pommes frites verschlingen, sinkt unser Ghrelinspiegel und signalisiert dem Gehirn: „mit dem Essen aufzuhören“. Es kurbelt dann den Stoffwechsel an, damit wir die verzehrte Nahrung verbrennen können.

9:13 Die Teilnehmer kamen also, wir schlossen sie an einen Tropf an und gaben ihnen einen Milchshake, den „Sensi-Shake“. Er hatte null Prozent Fett, 140 Kalorien, keinen zugesetzten Zucker – ein Genuss ohne schlechtes Gewissen. Sie tranken ihren Shake, und als Reaktion darauf sank ihr Ghrelinspiegel, aber nur sehr leicht, was dem Gehirn signalisierte, dass etwas Nahrung aufgenommen wurde, aber nicht sehr viel.

9:45 Eine Woche später kamen sie zurück in unser Labor, wir schlossen sie wieder an einen Tropf an und gaben ihnen einen anderen Shake. 620 Kalorien, 30 Gramm Fett, 56 Gramm Zucker. Und als Reaktion auf diesen Shake sank ihr Ghrelinspiegel erneut, aber diesmal deutlich schneller, etwa dreimal so stark wie bei dem Shake davor. Das würde für jeden Ernährungswissenschaftler Sinn ergeben, der versteht, dass der Abfall des Ghrelins proportional zur aufgenommenen Kalorienmenge ist.

10:28 Aber es gab einen Haken: Obwohl die Teilnehmer in beiden Fällen glaubten, sie hätten den vernünftigen und den nachsichtigen Shake getrunken, gaben wir ihnen in Wirklichkeit zu beiden Zeitpunkten genau den gleichen Shake.

10:47 Was sagt uns das? Genauso wie die gleiche Menge Morphium je nach unserem Bewusstsein mehr oder weniger Wirkung zeigte und die gleiche Menge Bewegung je nach unserer Wahrnehmung mehr oder weniger Nutzen brachte, erwies sich auch hier unsere innere Einstellung oder Denkweise als entscheidend. In diesem Fall deutet es darauf hin, dass es nicht um Kalorien rein oder raus, oder die Zusammensetzung von Fetten und Nährstoffen geht, sondern darum, was wir glauben. Besser gesagt, was wir erwarten, was wir über die Nahrung denken, die wir essen, und dass das die Reaktion unseres Körpers bestimmt.

11:34 Angesichts dessen sollten wir mal unser Leben betrachten: Was ist unsere innere Einstellung? Und wie könnten wir sie zu unserem Vorteil nützen?

11:49 Nehmen wir zum Beispiel Stress. Was ist Ihre Haltung zu Stress? Wenn Sie wie die meisten Menschen denken, dann, dass Stress etwas Schlechtes ist. Das ist nicht überraschend, wenn man bedenkt, dass wir überall Warnungen und Etiketten sehen, die uns an die negativen Auswirkungen von Stress erinnern.

12:16 Aber die Wahrheit über Stress ist nicht eindeutig „nur“ schlecht. Tatsächlich gibt es eine wachsende Zahl von Forschungsergebnissen, die zeigen, dass Stress auch positive, leistungssteigernde Effekte hat und ebenso auf unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und unsere Leistungsfähigkeit haben kann.

12:29 Ich bin jedoch nicht hier, um Sie davon zu überzeugen, dass die Auswirkungen von Stress positiv sind, sondern um darauf aufmerksam zu machen, dass die Wahrheit über Stress, wie bei den meisten Dingen im Leben, nicht nur eine – schlechte - Seite hat.

12:44 Das wirft natürlich die Frage auf: Bestimmt macht auch hier unsere innere Einstellung, die wir gegenüber Stress einen Unterschied? Um diese Frage zu testen, arbeitete ich mit Shawn Achor, Peter Salovey und einer Gruppe von 300 Angestellten zusammen. Das war nach dem Finanzkollaps 2008, und wir wussten, dass sie gestresst waren. Sie hatten gerade gehört, dass zehn Prozent ihrer Belegschaft entlassen wird, und sie waren überarbeitet.

13:16 Wir beschlossen also zu beobachten, ob sich ihre innere Einstellung oder Denkweise ändern könnte. Wir zeigten ihnen einfache Videoclips. Die eine Hälfte der Teilnehmer sah das Video links [„Stress ist lähmend“], die andere das Video rechts [„Stress ist leistungssteigernd“].

14:56 Sie verstehen, worum es geht, ja? Die Teilnehmer sehen sich Forschungsergebnisse, Fakten oder Anekdoten an, alles wahr, aber eben auf die eine oder andere Perspektive ausgerichtet.

15:22 Was wir interessant fanden: Diejenigen, die diese einfachen dreiminütigen Videoclips vor Arbeitsbeginn sahen, berichteten im Laufe der nächsten Wochen über

  • weniger negative Gesundheitssymptome

  • weniger Rückenschmerzen,

  • weniger Muskelverspannungen,

  • weniger Schlaflosigkeit.

Und sie berichteten auch von einem höheren Engagement und einer besseren Leistung bei der Arbeit.

15:50 Ich habe Ihnen nun vier Studien vorgestellt, die die Macht der inneren Haltung in der Medizin, bei Bewegung, Ernährung und Stress belegen. Es gibt viele andere talentierte Wissenschaftler, die sich mit diesem Phänomen beschäftigen.

16:12 Carol Dwecks Forschung zeigt uns, dass, wenn wir unsere Einstellung zu Intelligenz und Talent entweder positiv oder negativ sehen, dies unseren akademischen oder beruflichen Erfolg dramatisch verändern kann.

16:29 Die Forschung der Yale-Epidemiologin Becca Levy zeigt uns, dass, wenn wir unsere Haltung zum Altern ändern – vom Altern als unvermeidlichem Prozess des Verfalls zu einem Prozess des Gewinnens von Weisheit und Wachstum –, dies nicht nur den Verlauf unseres Älterwerdens formt, sondern auch die Langlebigkeit verlängert.

16:53 Ted Kaptchuk und seine Gruppe am Placebo-Studienprogramm der Harvard University leisten Spitzenarbeit, um zu verstehen, wie wir den Placebo-Effekt in der klinischen Praxis nutzbar und ethisch einsetzen können. Obwohl der Kontext also ein anderer ist, ist die Botschaft dieselbe.

17:14 Unsere innere Einstellung oder Denkweise ist wichtig. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sage nicht, dass Medizin nicht wirkt, oder Bewegung keine Vorteile hat, oder dass es egal ist, was wir essen. Aber die psychologische oder körperliche Wirkung, kann und wird von unserer inneren Einstellung beeinflusst.

17:43 Ist diese Macht grenzenlos? Sicherlich nicht, aber was ich hoffe, heute für Sie getan zu haben, ist, Sie zu inspirieren, gewisse Dinge zu überdenken, wo die Grenzen wirklich liegen könnten. Denn die Aufgabe, die darin liegt, ist, diese Kraft für uns selbst zu gewinnen, die Macht der inneren Einstellung zu entdecken und zu wissen, dass wir, (schnippt mit den Fingern) das Spiel in vielen Aspekten unseres Lebens ändern können, indem wir unsere Einstellung ändern.

18:18 Vielen Dank. (Applaus)