Nobelpreis für unsere klugen Zellen
IMMUNSYSTEM
Haben Sie sich jemals gewünscht, Sie hätten eine Möglichkeit, alten Ballast loszuwerden oder alte Zellen in Ihnen zu erneuern? Oder noch besser, ein "Reset-Knopf" um die Uhr in Ihrem Körper anzuhalten, vielleicht sogar ein wenig zurückzudrehen?
in Kürze - worum geht's
Inhalt:
Wissenschaft - Das Geheimnis der Autophagie
Dialog: Ein Garagengespräch unter Freunden


Das Geheimnis der Autophagie
Haben Sie sich jemals gewünscht, Sie hätten eine Möglichkeit, alten Ballast loszuwerden oder alte Zellen in Ihnen zu erneuern? Oder noch besser, einen „Reset-Knopf“ für Ihren Körper, um die Uhr ein wenig zurückzudrehen? Viele suchen nach so einer Lösung in unzähligen Angeboten, wie in Diäten, komplizierten Ernährungsprogrammen oder teuren Wellnesstempeln und -kuren.
Doch was wäre, wenn die brillanteste Verjüngungs- oder Recyclingkur bereits in uns steckt? Was, wenn unser Körper ein evolutionäres, inneres Recycling-Programm besitzt, das genau das tut? Ob Sie es glauben oder nicht, dieses Programm hat sogar einen Namen: Autophagie. Die aktuelle Wissenschaft beginnt gerade erst, seine tiefgreifende Bedeutung und Auswirkung für unsere Gesundheit und Langlebigkeit zu verstehen.
Die wissenschaftliche Entdeckung
Der Begriff „Autophagie“ stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich „sich selbst fressen“. Das klingt zunächst etwas erschreckend oder brutal, ist aber einer der elegantesten und intelligentesten Prozesse in der Biologie. Man kann es sich so vorstellen, wie ein effektives Aufräum- und Recycling-Programm innerhalb jeder einzelnen unserer Zellen. Bei diesem Programm werden beschädigte Zellteile, fehlgefaltete Proteine, eingedrungene Viren und anderer „Zellmüll“, der sich mit der Zeit ansammelt hat und die Zellfunktion stört, recycelt oder erneuert.
Anstatt diesen Müll einfach nur zu entsorgen, zerlegt der Prozess der Autophagie diesen, in seine Grundbausteine – Aminosäuren, Fettsäuren und Zucker. Die übriggebliebenen Rohstoffe werden dann wiederverwendet, um neue, gesunde Zellstrukturen zu bauen oder um Energie zu erzeugen. Es ist ein perfekter biologischer Kreislauf der Selbsterneuerung.
Obwohl dieser Prozess schon einige Zeit bekannt war, erlebte die Forschung einen Quantensprung durch die Arbeit des japanischen Zellbiologen Dr. Yoshinori Ōhsumi. Er entdeckte in den 1990er-Jahren die Gene, die für die Steuerung der Autophagie verantwortlich sind. Für diese Entdeckung, die das Tor zu einem neuen Verständnis von Krankheiten und Alterungsprozessen aufstieß, erhielt er 2016 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.
Ōsumis Forschung zeigte, dass Autophagie nicht irgendein Notfallmechanismus ist, sondern ein fundamentaler Prozess der Biologie, der ständig in unseren Zellen abläuft. Noch wichtiger: Er fand heraus, dass dieser Prozess durch bestimmte Signale angekurbelt werden kann. Der stärkste bekannte Auslöser für die Autophagie ist ein Nährstoffmangel, der zum Beispiel durch Fasten hervorgerufen wird. Wenn die Zelle von außen keine Energie bekommt, schaltet sie ihr internes Recycling-Programm ein, um aus dem noch vorhandenen Material neue Energie zu gewinnen. Ein weitere Auslöser ist intensiver Sport. Der Körper erkennt den durch die Anstrengung verursachten Stress und beginnt sofort mit den Reparatur- und Aufräumarbeiten.
Nobelpreis für unsere klugen Zellen
2 min
Wissenschaft in Kurzform

Neue Perspektiven - oder ständig "mehr"?
Die moderne Lebensweise basiert auf einem Narrativ des "ständig mehr" und der dauernden Zufuhr von was auch immer, Snacks, Chips, Sweets, Limos und so weiter. Wir sind es gewohnt, drei (vielleicht sogar mehr) Mahlzeiten am Tag zu essen und unserem Körper ununterbrochen Energie zuzuführen. Die Marketing- und Werbebotschaft lautet: „Mehr ist besser.“ Ein voller Magen soll Wohlbefinden bedeuten, ein leerer Magen, Mangel und Schwäche. Die Idee, bewusst auf Nahrung oder sonstige „Zwischendurchs“ zu verzichten, ist für manche undenkbar oder gilt sogar als unnatürlich. Haben wir wirklich Grund zur Angst ..... vor dem Hunger?
Die Autophagie stellt dieses „Immer-Mehr“ fundamental in Frage, vor allem aber auf den Kopf. Sie zeigt uns, dass Phasen des bewussten Verzichts, kein Defizit sind, sondern eine kluge, biologische Chance. Der Körper nutzt solche Phasen nicht nur, um sich zu erholen, sondern um einen Prozess der Reinigung und Regeneration zu starten, den er im Zustand ständiger Zufuhr gar nicht durchführen kann oder könnte.
Wenn wir ständig etwas zu uns nehmen, ist die Zelle ständig im „Aufbau-Modus“. Sie hat schlicht keinen Anreiz und schon gar keine Zeit, um sich um die Entsorgung von altem Müll zu kümmern. Zelluläre Abfall sammelt sich an, was zu Funktionsstörungen, zu beschleunigtem Altwerden, wie auch zur Entstehung von Krankheiten wie Diabetes oder neurodegenerativen Erkrankungen (z. B. Alzheimer und Parkinson) oder auch Krebs führen kann.
Pausen sind ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger, wie das ewige "noch mehr". Der bewusste, oft nur kurzzeitige Verzicht ist kein Mangel, sondern ein sinnvoller Impuls, die körpereigenen Selbstheilungskräfte zu aktivieren. Es geht nicht darum, wirklich zu hungern, sondern darum, dem Körper gezielte Phasen der Ruhe zu gönnen, in denen er seine innere Hausmeistertätigkeit machen kann. Die Sorge vor Hunger macht im dem Fall Platz für die Intelligenz unseres Körpers.
Weiterdenken, "was wäre, wenn"?
Diese wissenschafltiche Erkenntnis braucht keinen strengen Plan. Vielmehr ist es eine Einladung, den Umgang mit sich selbst, mit unkontrollierten Gewohnheiten, sich ständig, sei es Chips, Snacks oder irgend etwas „reinzustopfen“, zu überdenken und aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.
Stellen Sie sich mal vor, was es bedeuten könnte, das Gefühl von unbestimmten, leichtem Appetit oder Hunger nicht als Alarmsignal, sondern als Information Ihres Körpers zu verstehen, der sagt: „Danke, ich hab jetzt Zeit und fange an aufzuräumen, bitte nicht stören.“
Eine weitere Frage wäre, wie sich unser Tagesablauf verändern könnte, wenn wir Mahlzeitpausen nicht als „ich hatte noch keine Zeit zu essen“, sondern als „Regenerationszeit“ betrachten würden. Vielleicht gewinnt der morgendliche Kaffee ohne Milch oder Zucker eine neue Bedeutung, wenn man ihn als Verlängerung der nächtlichen Aufräumphase betrachtet.
Was wäre, wenn wir Sport nicht nur als Mittel zum Kalorienverbrennen oder Muskelaufbau sehen, sondern als gezielten Auftrag an unsere Zellen: „Bitte mal alles durchchecken und reparieren!“?
Vielleicht inspiriert das Wissen über Autophagie dazu, den Rhythmus von Essen und Nicht-Essen, einmal etwas anders zu betrachten. Es beispielsweise mit dem Wechsel von An- und Entspannung oder Tag und Nacht zu begreifen, denn jeder versteht, dass der Körper Schlaf braucht und krank wird, wenn er diesen nicht bekommt. Es könnte eine Einladung sein, wieder mehr auf seinen Körpers zu hören, anstatt der Werbe-Industrie unüberlegt zu folgen.
Wie auch immer, wenn sie mehr über Autophagie oder den Prozess der inneren Reinigung und des Recyclings erfahren möchten, finden Sie hier einen Artikel der diesen Prozess im Detail erklärt und seine Wirkung erklärt. (Autophagie - Zellreinigung in uns, ein geniales System)
Eine wahre Begebenheit
Ein Garagengespräch über Autophagie


6 min
Szene: Horst (ca. 68) und Günther (ca. 65) stehen in der Garage von Horst, welcher versucht, einen alten Rasenmäher zu reparieren, während Günther auf einen Sprung vorbeikommt und ihm dabei zusieht.
Horst: (Flucht, weil sein Schraubenschlüssel ständig abrutscht) Verflixt! Dieser alte Kasten macht mich noch wahnsinnig. Manchmal hab ich das Gefühl, der ist auch schon so kompliziert und widerspenstig wie ich selbst und nur noch funktioniert, wann er will.
Günther: (Schmunzelt) Das kenne ich, Horst. Geht mir auch manchmal so. Wer wünscht sich das nicht, dass sich die Dinge weniger mühselig anfühlen. Wir glauben alle, dass das im Alter normal ist, ob beim reparieren, bewegen oder sonst wo.
Horst: (murmelt etwas in sich hinein) .... ah jetzt hab ich’s endlich. Was meinst du?
Günther: (Schmunzelt) Ich hab gesagt, dass wir alle im Alter glauben, dass alles mühseliger wird. Aber weißt du, ich hab da neulich was gelesen, was interessant war und das Ganze etwas anders zu sehen. Es geht darum, wie uns selbst in Schuss halten, besser gesagt unsere Zellen. Es nennt sich "Autophagie".
Horst: Auto-was? Klingt nach einem neumodischen Werkzeug, das ich nicht hab.
Günther: (Lacht) Stimmt nicht ganz. Ist eher ein Werkzeug, das du zwar hast, aber nicht weißt, dass du's hat und wie du damit umgehen sollst oder nicht weißt warum.
Horst: Das kann schon sein. Da liegt so einiges an unnötigem Werkzeug rum, das ich mir mal angeschafft hab, aber noch keine Zeit hatte, mich darum zu kümmern. Liegt halt irgendwo in einer Ecke, siehst ja, wie’s in der Garage aussieht, was soll ich sagen, mir fehlt einfach Zeit und Nerv, hier mal aufzuräumen.
Günther: Aber genau darum geht’s. Nimmst mir ja fast das Wort aus dem Mund.
Horst: (Blickt zu Horst) Was redest du? Wird das ein Rätsel?
Günther: Nein! Stell dir mal unsere alten Zellen vor, Horst, die sind so ähnlich wie diese Garage hier.
Horst: (Blickt sich um) Versteh dich nicht. Wenn meine Zellen, so sind wie eine Garage, dann sind sie aber ziemlich vollgestopft!
Günther: Genau das mein ich. Aber jetzt stell dir vor, es gäbe so etwas wie ein freiwilliges Putzteam, das Ordnung schafft und alles sauber hält.
Horst: Jetzt fantasierst du, oder? Klar wär das super, aber wo gibt’s denn sowas? ... ein Putzteam, noch dazu freiwillig
Günther: Das ist der Punkt! In so einer Garage gibt's ja alles mögliche: Werkzeuge, Maschinen, Ersatzteile und natürlich auch alten Kram. Da da liegen rostige Schrauben, und da hinten stapeln sich leere Farbeimer. Und wie du siehst, gibt’s da fast kein Durchkommen mehr, oder? Werkzeuge könnten unter dem Müll verschwinden. Du sagst doch selbst du weißt nicht mehr, wo irgendwas rumliegt und könntest bald nicht mehr richtig arbeiten. Um jetzt wieder auf unsere alten Zellen zurückzukommen, wollte ich dir sagen, dass unser Körper hat dafür eine eingebaute "Putz- und Renovier-Brigade" hat. Die ist nicht immer aktiv, aber wenn sie gebraucht wird, legt sie los.
Horst: Und was macht die?
Günther: Die geht durch die Garage, also ich meine natürlich die Zellen (lacht kurz) und sucht gezielt nach allem, was alt, kaputt, klapprig oder überflüssig ist. Die kaputten Werkzeuge, die rostigen Schrauben, die alten Farbeimer und so weiter, die erkennt sie.
Horst: So wie den alten zerlegten Rasenmäher hier, also die Teile, die nur noch Ärger machen.
Günther: Genau. Aber jetzt kommt der Clou: Dieses Putzteam packt den ganzen alten Kram in "Müllsäcke" oder "Behälter". Dann wird der alte Kram mal vom Rest oder noch brauchbaren getrennt, damit er nicht einfach nur herumliegt oder verdreckt.
Horst: Aha, also wie wenn ich den kaputten Rasenmäher in eine Plane wickle und sein Öl nicht noch weiter den Boden verdreckt.
Günther: Du hast es erfasst, das mein ich! Dann werden die "Müllsäcke" zu einer "Schredderanlage" oder so ähnlich transportiert. Dort wird alles in seine Einzelteile zerlegt.
Horst: Und dann? Weg damit?
Günther: Nein, wart’s ab! Das ist ja gerade das Geniale! Unsere Zellen sind ja nicht dumm. Diese Teile werden wieder in Rohstoffe umgewandelt. Aus dem Material kann die Zelle dann wieder neue, frische Werkzeuge bauen. Es recycelt sich quasi von selbst! Dieser Prozess nennt sich Autophagie. Und als ich darüber gelesen habe, ist mir klar geworden, dass unser Körper nicht nur ständig neue Dinge aufnimmt, sondern auch ein Meister im Aufräumen und der Wiederverwertung ist.
Horst: Wo hast du denn das wieder her? Klingt ja wie ein Märchen.
Günther: Ist es aber nicht. Ich war vorige Woche mit Herta bei einem Vortrag. Da haben sie das erzählt. Und naja, weil ich, wie du weißt, bei solchen Vorträgen oder Dingen eher etwas skeptisch bin, hab ich mir nachher das Buch "der Jungzelleneffekt" von Slaven Stekovic einem Grazer Wissenschaftler, über die Autophagie besorgt. Und ich muss dir sagen, ich war oder bin richtig beeindruckt. Habs ja selbst nicht gewusst, aber es ist Wissenschaft .... alles erwiesen.
Horst: Das ist ja unglaublich! Also, wenn ich mich manchmal so unmotiviert und so alt fühle, ist das vielleicht, weil meine "Putz-Brigade" nicht richtig arbeitet?
Günther: Könnte sein! Das Faszinierende daran ist, dass man diese Brigade sogar antreiben kann. Ich hab gelesen, dass beispielsweise Fasten – also wenn die Zellen mal eine Weile kein Essen bekommen – diese Autophagie richtig in Gang setzt. Dann sucht der Körper gezielt nach dem altem Kram, um daraus neue Energie zu gewinnen.
Horst: Fasten? Du meinst, nichts essen? Ich dachte immer, man muss viel essen, damit der Motor läuft. (lacht kurz auf)
Günther: Ja, klar, muss man essen. Aber manchmal braucht der Motor auch eine Pause, eben um wieder aufzuräumen oder zu reinigen. Vor allem die Naschereien oder Chips und dieser Kram, der ist besonders übel. Ich hab das jetzt ein paar Mal probiert, so ein paar Stunden länger nichts essen, sogar mal einen Tag nur ganz leicht. Es reicht schon eine kurze Zeit. Und ich muss sagen, ich hab mich danach irgendwie ... aufgeräumter gefühlt. Weniger träge und klarer im Kopf.
Horst: (Lässt den Schraubenschlüssel sinken und blickt nachdenklich auf den Rasenmäher) Eine Putztruppe, die recycelt ... und die man mit einer Essenspause antreiben kann. Das klingt schon spooky aber interessant. Meine Garage könnte sicher mal eine Reinigung vertragen ..... und ich? Naja, vielleicht sollte ich das auch mal ausprobieren und wer weiß, vielleicht hab ich dann mal wirklich die Energie, hier mal aufzuräumen. Wär ja echt hilfreich, bevor ich mir dann einen neuen Rasenmäher kaufe ..... oder einen neuen Körper! (beide lachen)
Günther: Schaden kann's nicht. Vor allem, es gibt einem ein gutes Gefühl, zu wissen, dass der Körper so clever ist und sich selbst reinigt und repariert, wenn wir ihn nur lassen. Ich bin zwar mit dem Buch noch nicht ganz fertig, aber ich weiß jetzt schon, dass es mehrere Vorteile gibt. Herta hat schon zwei Kilo abgenommen, allein in der letzten Woche und fühlt sich, richtig gut. Kannst dir vorstellen. Wenn ich fertig bin, bring ich dir das Buch vorbei und in der Zwischenzeit hoff ich, dass dein Rasenmäher wieder funktioniert. Wie siehts aus, gehen wir jetzt auf ein kleines Helles, nebenan?
Horst: Gute Idee, hab jetzt so oder so keinen Nerv mehr zum weitermachen. Na, dann los, gehen wir.
Ein Garagengespräch über Autophagie
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