Wer nicht genießt, wird ungenießbar
LEBENSFREUDE
Dieser Spruch ist vielleicht provokant, trifft aber den wunden Punkt der modernen Gesellschaft. „Wer nicht genießt, wird ungenießbar“, Begeben wir uns doch mal auf die Suche in die Wissensgebiete der Hirnforschung, Psychologie oder auch die Psychoneuroimmunologie und sehen, was diese über den Genuss zu sagen hat.
in Kürze - worum geht's
Inhalt:
Wissenschaft - Das Geheimnis von Genuss
Dialog - Die neue Kaffeerösterei


Dieser Spruch von Konstantin Wecker ist vielleicht provokant, trifft aber den wunden Punkt unserer Leistungs und Konsum orientierten Gesellschaft. „Wer nicht genießt, wird ungenießbar“ – ist ein Plädoyer gegen die Verbissenheit, gegen die Hast und oftmals auch innere Leere, das – unter dem derzeitigen Lebensstil „immer mehr, immer schneller, immer hektischer“ – eine offensichtliche Wahrheit in sich trägt.
Genuss hat nichts mit Zeitvertreib oder etwa Verschwendung zu tun. Genuss verschwendet nicht, viel eher belebt er oder fördert unsere Wahrnehmung für den Augenblick. Es ist ein Elixier für unsere seelische, geistige und körperliche Gesundheit. Wer sich selbst die Fähigkeit zum Genießen nicht gönnt oder verwehrt, verhärtet nicht nur, sondern wird über kurz oder lang auch für sein Umfeld ein Stress getriebener, "ungenießbarer" Brocken. Doch was genau ist denn „Genuss“, und vor allem, was kann uns zum Beispiel die Wissenschaft dazu sagen? Begeben wir uns doch mal auf die Suche in Wissensgebiete wie die Hirnforschung, Psychologie, Ernährungswissenschaft oder auch die Psychoneuroimmunologie und sehen, was dabei herauskommt.
Von wegen - Symphonie der Sinne:
Beginnen wir beim Offensichtlichsten: Essen und Trinken. Für viele der Inbegriff von Genuss. Doch im Alltag werden Mahlzeiten meist zur kurzen und schnellen Nahrungszufuhr degradiert – ein Kaffee „to go“, ein eiliger Happen am Schreibtisch oder ähnliches. Die Ernährungswissenschaft warnt schon lange vor den Folgen des Fast-Food-Trends. Achtsames Essen, das bewusste Wahrnehmen von Geschmack, Geruch, Textur und Farbe, steigert nicht nur die Zufriedenheit, sondern verbessert beispielsweise auch die Verdauung, die Nährstoffverwertung und die Sättigungsregulation.
Genuss aus neurobiologischer Sicht
Die Hirnforschung liefert dazu faszinierende Einblicke. Wenn wir etwas genießen, sei es ein Stück Schokolade oder ein Glas Wein, wird unser Belohnungssystem im Gehirn aktiviert. Der Neurotransmitter Dopamin wird ausgeschüttet und erzeugt ein Gefühl von Freude und Befriedigung. Prof. Dr. Gerhard Roth, ein bekannter deutscher Hirnforscher, betont, dass diese Prozesse im limbischen System stattfinden, dem emotionalen Zentrum unseres Gehirns. Genuss ist keine rationale Entscheidung, sondern vielmehr eine emotionale Erfahrung. Interessanterweise ist es weniger der Konsum selbst, der uns belohnt, als die Vorfreude. Wer sich bewusst Zeit nimmt, um sein Essen, ob Morgen, Mittags oder Abend zu planen, aktiviert sein Belohnungssystem schon im Vorfeld. Das heißt Genuss beginnt vorher und holt uns aus dem (irr-)rationalen „Trott des Alltags“
Wer nicht genießt, wird ungenießbar
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La dolce vita - Freude, Freundlichkeit, Gelassenheit
Lebensgenuss ist nicht nur eine körperliche Erfahrung, sondern maßgeblich eine inneren Haltung. Freude, Freundlichkeit und Gelassenheit sind dabei die zentralen Säulen, allseits bekannt als das „Dolce Vita“, nachdem sich fast jeder sehnt. Die Emotionsforscherin Barbara Fredrickson zeigte mit ihrer Forschung, dass gute Gefühle nicht nur unseren geistigen Horizont erweitern, sondern uns helfen, neue soziale, psychische und physische Ressourcen aufzubauen. Wer Freude empfindet, ist kreativer, offener für neue Erfahrungen und knüpft leichter soziale Kontakte.
Freundlichkeit, heute sicher ein unterschätzter und besonders potenter Genuss-Erzeuger. Studien der positiven Psychologie belegen, dass freundliche Handlungen nicht nur dem Empfänger guttun. Geben, dazu gehört nicht nur Materielles, sondern auch Wertschätzung und Freundlichkeit, aktiviert im Gehirn des Gebenden dieselben Belohnungszentren wie bei dem Empfänger. Das Gefühl des Gebens oder Helper’s High genannt, ist ein neurobiologischer Prozess und Beweis dafür, dass Altruismus und Genuss Hand in Hand gehen. Wer hat es nicht schon erlebt, mit Freunden, der Familie oder in seinem näheren Umfeld.
Gelassenheit wiederum, ist die Kunst den Stürmen des Lebens mit innerer Ruhe zu begegnen. Hier liefert die Achtsamkeitsforschung, geprägt durch Jon Kabat-Zinn entscheidende Erkenntnisse. Regelmäßige Achtsamkeit beruhigt die Amygdala, unser „Angstzentrum“ im Gehirn, und stärkt die Aktivität im Stirnhirn oder den Sitz der Persönlichkeit, wie der präfrontale Kortex wissenschaftlich genannt wird.. Das Ergebnis: Wir reagieren weniger impulsiv auf Stress und können den Moment und Augenblick genießen, anstatt uns in Sorgen über die Zukunft oder die Vergangenheit zu verlieren.
Die Achtsamkeitsforschung ergänzt diese Perspektive, sodass Praktiken wie ein achtsamer Spaziergang im Wald, bei dem man bewusst den Boden unter den Füßen und den Wind auf der Haut spürt, Körper und Geist verbinden. Es reduziert nachweislich das Stresshormon Cortisol und fördern ein positives Körpergefühl – eine Form des Genusses, die ganz ohne äußere Reize auskommt. Natürlich zählen dazu auch Yoga und Tai-Chi.
Verbundenheit - Empathie als Quelle von Genuss
Ein erfülltes Leben ist ohne Beziehungen undenkbar. Vor allem Kinder brauchen diese Verbindung und können sie genießen, Nähe und Vertrauen sind zwei der wichtigsten Faktoren für Entwicklung und Selbstwert..Die Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti hat das Verständnis von Empathie revolutioniert. Diese Nervenzellen feuern nicht nur, wenn wir andere Menschen beobachten oder wahrnehmen, sondern auch wenn wir selbst eine Handlung ausführen oder Emotion fühlen. Die neuronale Grundlage für Mitgefühl ermöglicht es uns, Freude zu teilen und mitzuerleben,, geteilte Freude ist, wie man sagt; doppelte Freude.
Die Wirkung von Empathie kommt durch ein Verständnis für andere, aber ebenso wichtig, für sich selbst, also Selbst-Verständnis oder Selbst-empathie. Ein freundlicher und nachsichtiger Umgang mit sich, ist oft eine vernachlässigte Genussquelle. Die Psychologin Kristin Neff hat das Konzept der Selbst-Empathie (Self-Compassion) wissenschaftlich untersucht und populär gemacht. Anstatt uns für Fehler zu kritisieren, können wir uns ebenso mit Freundlichkeit begegnen, wie wir es einem guten Freund entgegenbringen würden. Das reduziert nicht nur Stress, sondern auch die Gefahr von Depressionen. Womit wir bei der Psyche oder Psychoneuroimmunologie gelandet wären, einem neuen Wissenschaftsbereich, der die Wechselwirkungen zwischen Psyche, Nerven und Immunsystem untersucht. Sie wissen bestimmt, dass Stress das Immunsystem schwächt, aber haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ob Genuss - was sichtlich ein Gegenpol zu Stress ist – Ihr Immunsystem stärkt. Ob Sie es glauben oder nicht ....
... Genuss stärkt das Immunsystem
All diese Fäden laufen im faszinierenden Feld der Psychoneuroimmunologie (PNI) zusammen. Diese Disziplin erforscht, den Zusammenhang zwischen unserer Psyche (Psycho-), unserem Nervensystem (Neuro-) und unserem Immunsystem (Immunologie). Pioniere wie Robert Ader und Nicholas Cohen konnten zeigen, dass unser emotionaler Zustand direkten Einfluss auf unsere Abwehrkräfte hat.
Stress, Einsamkeit und negative Emotionen führen zu einer erhöhten Ausschüttung von Cortisol unseren Stresshormonen, die auf Dauer das Immunsystem beeinträchtigen und uns anfälliger für Infektionen und chronische Krankheiten machen. Umgekehrt fördern positive Zustände – wie Freude, soziale Verbundenheit, Gelassenheit oder auch Genuss – das Immunsystem. Wer genießt, baut Stress ab, fördert Interaktionen und schafft ein günstiges hormonelles oder biochemisches Klima , in dem das Immunsystem optimal arbeiten kann. Genuss ist also nicht nur Balsam für die Seele, sondern auch für die Immunabwehr.
Bewegung ist mehr als nur Kalorienverbrennung
Schließlich sollte man doe Bewegung nicht außer Acht lassen, auch wenn man Bequemlichkeit gerne zum Genuss zählt. Unter Bewegung verstehen wir aber meist Anstrengung oder sportliche Tätigkeiten, um fit zu bleiben, vergessen dabei aber oft die Freude an der Bewegung selbst. Was bei Kindern noch selbstverständlich ist, sich, hie und da zu strecken, zu dehnen ode zu beugen, wird durch den Leistungsgedanken völlig verdrängt. Dabei ist es ganz einfach. Lesen Sie dazu den Artikel über „Zapchen“ eine Bewegungsform, die von Dr. Julie Henderson entwickelte wurde und die durch einfache, spielerische Übungen, Stress abbaut, die Körperwahrnehmung vertieft und das Nervensystem stabilisiert. Es ist eine Methode zur Förderung von Wohlbefinden, Selbstregulation und Resilienz, eine westliche Körpertherapie, die mit tibetischer Weisheit verbunden wurde.. Sie werden staunen, wie simpel Genuss und Freude an Bewegung sein kann
Fazit: Der Sinn von Genuss
Wie unser kleiner Ausflug in die aktuelle Wissenschaft zeigt, ist unser Eingangssprichwort „Wer nicht genießt, wird ungenießbar“, nicht nur ein provokanter Spruch, eher ein wissenschaftlich fundierter "Wecker", um wieder bei Konstantin zu landen. Ein Leben ohne Genuss führt in einem Zustand innerer Anspannung, emotionaler Mangelerscheinung und meist auch zu sozialer Isolation. Die gute Nachricht ist: Genuss ist zwar nicht angeboren, aber für jeden erlernbar, der es möchte oder verstanden hat, worum es dabei geht. Und die Angst? Es besteht keine Gefahr „im Rausch der Sinne“ zu versinken, vielmehr die Chance die kleinen Momente: den Duft von frischem Kaffee, die Wärme der Sonne, ein freundliches Lächeln, die Freude an einer gelungenen Aufgabe, wahrzunehmen und wertzuschätzen. Genau darum geht’s. Und falls noch ein vernünftiges Argument fehlt, Genuss ist ein Investment in die Gesundheit und Ihre Lebensqualität, soviel steht fest. Dafür müsste man sich entscheiden.
Eine Geschichte aus dem Alltag
Die neue Kaffeerösterei


Die neue Kaffeerösterei
Szene: Zwei ältere Herren, Walter und Karl, sitzen auf einer Parkbank und genießen die letzten warmen Strahlen der Herbstsonne. Walter lehnt sich entspannt zurück und hält die Augen geschlossen. Karl findet keine Ruhe sitzt und mustert misstrauisch eine Gruppe spielender Kinder in der Ferne.
Karl: (brummt) Ein Lärm, diese Jugend. Und keine Sorgen. Wenn die wüssten was noch alles auf sie zukommt, Sie werden schnon noch merken, dass dass Leben kein Honiglecken ist.
Walter: (öffnet kurz die Augen und lächelt) Ach, Karl. Lass sie doch. Schau mal, wie die Sonne durch die Blätter fällt. Gold, pures Gold. Spürst du nicht die Wärme auf der Haut? Herrlich.
Karl: Wärme? Ich spüre, dass bald der Winter kommt. Da wird die Heizkostenabrechnung wieder gesalzen sein. Man kann sich doch nicht einfach zurücklehnen. Man muss aufpassen.
Walter: Aufpassen worauf? Dass uns ein schöner Moment die Brieftasche leert?
Karl: (schnaubt) Red keinen Blödsinn, du weißt genau, was ich meine. Immer wenn's mal gut im Leben lief, kam dann der Hammer umso härter. Man darf sich nicht zu sicher fühlen. Die Freude von heute sind die Sorgen von morgen.
Walter: (setzt sich auf und blickt Karl ernst an) Weißt du, was meine Freu mal zu mir gesagt hat, als ich auch so drauf war? Sie sagte: „Walter, deine Sorgenfalten sind so tief, da rutscht die gute Laune rein und kommt nicht wieder raus.“ Das hat gesessen.
Karl: Martha sagt auch immer, ich soll nicht immer so grantig sein. Aber das Leben hat mich eben so gemacht. Das war nicht meine Entscheidung.
Walter: Doch! ... Ist es, und zwar jeden Tag aufs Neue, Karl. Ich habe damals über Elsas Worte nachgedacht. Und mir ist was klargeworden: „Wer nicht genießt, wird ungenießbar“. Dieser Spruch ist nicht von mir, er ist von Konstantin Wecker, den kennst du ja, diesen Sänger aus München. Ungenießbar für dich, aber auch für die anderen,
Karl: Und was soll ich machen? Tanzen und singen? Ich halt’s schon aus.
Walter: (lacht leise) Es geht nicht darum das Leben auszuhalten. Wie das schon klingt. Durchhalten, bis was? ... bis zum Lebensende? Ebensowenig geht’s darum, die ganze Welt zu umarmen. Fang mal mit einer kleinen Sache an. Den Kaffee heute Morgen, hast du ihn getrunken oder runtergeschüttet?
Karl: Getrunken, natürlich.
Walter: Und hast du ihn auch genossen? Die Wärme, den Duft, bevor du den ersten Schluck genommen hast? Das ist alles. Das ist ein erster kleiner Schritt und zwar ein ungefährlicher. Da kommt kein Hammer danach. Es ist einach nur der Moment.
Karl: (schweigt einen Moment, blickt auf seine Hände) Das klingt nach Zeitverschwendung.
Walter: Ich würde eher sagen, es nicht zu tun, ist Zeitverschwendung. Gerade wir in der Pension könnten oder können die Zeit genießen. Oder was meinst du? ... Auch wenn’s nicht aufbauend klingt, aber wir haben gerade nicht unendlich viel Zeit, um das Leben zu genießen. Ich habe neulich dieses Buch gelesen, was die Leute auf dem Sterbebett am meisten bereuen. Weißt du, was ganz oben stand? Nicht, dass sie zu wenig gearbeitet oder zu wenig aufgepasst hätten. Sondern, dass sie sich nicht erlaubt haben, glücklicher zu sein. Und das wird man bestimmt nicht, wenn man ständig an die Heizkosten denkt oder was auch immer.
Karl: (leise) Martha hat mir das Buch auch hingelegt. Ich hab’s nicht angerührt.
Walter: Vielleicht solltest du. Darin steht nicht, man soll die Augen vor unangenehmen Dingen verschließen, die gibt’s natürlich, aber es gibt auch die gunten Dinge und dafür sollte man sie öffnen. Dreimal darfst du raten, was klüger ist. Wenn du das tust, verändert es auch deine Stimmung. Du wirst weicher, sorgloser, entspannter oder ... (lacht kurz auf) ... genießbarer. Du würdest nicht nur dir was Gutes tun, sondern auch Martha. Das wär doch auch was, oder?
(Karl schweigt und atmet durch, als bräuchte er Luft)
Karl: Der Kaffee heute Morgen... war ganz gut. Wir waren bei der neuen Rösterei, Martha und ich. Sie wollte ihn und ich geb zu, er schmeckt anders, als das, was wir uns bisher geleistet haben.
Walter: (lächelt) Siehst du? Martha hat ein gutes Näschen, nicht nur für Kaffee, sondern auch, wo’s lang geht. Das ist ja schon ein Anfang. Solltes vielleicht ein wenig mehr auf sie hören. Komm, wir beide gehen jetzt zu dieser Rösterei, ich will auch einen und ich lade dich dort auf einen zweiten ein. Und diesmal nehmen wir uns ein paar Minuten Zeit, um ihn zu riechen, zu kosten und zu kaufen. Einverstanden?
Karl: (zögert ein wenig) Na gut. Aber nur, wenn du nicht die ganze Zeit so klug daherredest.
Walter: (beide lachen) OK, wir werden schweigen und genießen.
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