Das Unglück macht keine Unterschiede - aber wir können es.
GUTE GEFÜHLE
Wie wir mit Belastungen und Krisen leichter umgehen können.
Unser Kopf scheint „das Schlechte“ zu lieben, aber das Gute, das rutscht meist schneller ab, als uns das recht ist. Mit einer Psychologin aus Neuseeland, einem Bus und einer schwedischen Waschmaschine, lässt sich erklären, warum das so ist und wie Sie es für sich nützen können.


Hören statt Lesen - Das Unglück kennt keinen Unterschie


Der entspannte Abend, der dann keiner ist
Kennen Sie das? Ein ruhiger Abend, der Tee, den Sie sich mit Freude angerichtet haben, ist schon etwas abgekühlt, doch daran liegt es nicht, dass Ihre Stimmung wankt. Statt zu genießen, kommen ungebetene Gedanken hoch. Ihr Kopf kennt diese Gedanken und Fragen. Was wäre gewesen, wenn? Warum läuft im Leben oft so vieles schief? Und weil im Fernsehen auch noch Bilder vom Ärger auf dieser Welt auftauchen, schwenken Sie um auf: Wie soll denn das alles weitergehen? So fädelt sich eine Frage an die nächste, wie eine Perlenkette, die den Teegenuss, Ihre Stimmung und den ganzen Abend trübt, bis Sie am Ende denken: Das Leben meint es einfach nicht gut mit mir.
Und wissen Sie was? Sie haben recht. Das Leben ist ungerecht. Vor allem, wenn man ständig die lachenden Gesichter und glänzenden Bilder der anderen sieht, den Urlaub des Nachbarn, sein brandneues Heimkino oder das teure Auto. Daneben wirkt unser Teeabend richtig armselig. Aber jetzt mal ehrlich, glauben Sie all das wirklich? Glauben Sie, dass das Glück lieber woanders wohnt, nur nicht bei Ihnen? Könnte es sein, dass Sie sich täuschen? Wir möchten Ihnen heute näherbringen, was auch in den Köpfen anderer vor sich geht, nicht weil wir so klug sind oder Gedanken lesen können, sondern weil die Wissenschaft schon einiges darüber weiß.
Die Klette und das Ei
Der amerikanische Psychologe Roy Baumeister und seine Kollegen haben dazu im Jahr 2001 eine Fülle an Studien zusammengetragen, und ihr Ergebnis lässt sich in einem Satz sagen: Unser Kopf hat eine Eigenheit, die uns weder in der Schule noch sonst wo, noch nie jemand erklärt hat. Schlechtes, Unangenehmes oder Probleme und die damit verbundene Unzufriedenheit oder Sorge bleiben in unseren Köpfen wie eine Klette am Wollpullover hängen. Und das Gute? Sie müssen zugeben, das gibt es auch, aber jetzt kommt’s: Das Gute rutscht in uns ab wie ein Spiegelei von der Teflonpfanne, schwupp und weg ist es.
Die Psychologin Lucy Hone aus Neuseeland erklärt das mit einem Bild aus der Steinzeit. Für Steinzeitmenschen war es ein wichtiger Vorteil: Morgens raus aus der Höhle, rechts ein Regenbogen, links der Säbelzahntiger, und schon war klar, was Vorrang hat. Denn wer den Tiger übersieht, hat auch vom Regenbogen nichts mehr. Wir leben zwar nicht mehr in der Steinzeit, aber der Tiger kommt dennoch täglich über Fernseher, Radio oder Handy ins Haus, und unser Kopf behandelt jede mögliche unangenehme oder schlechte Nachricht, als säße sie schon vor der Tür. Hone erforscht, wie wir denken, fühlen und handeln, wenn es schwer wird, bei kleinen Alltagssorgen genauso wie bei echten Schicksalsschlägen. Ihr Forschungsfeld nennt sich Resilienz: die Kraft, nach einem Schlag wieder aufzustehen.
Wie unser Kopf mit Problemen oder Krisen umgeht
Bevor wir uns den Erkenntnissen von Lucy Hone zuwenden, lohnt sich aber ein Blick darauf, wie unser Kopf ganz allgemein mit kleinen und großen Problemen umgeht. Dazu gibt es ein schönes, treffendes Bild des Psychologen Steven Hayes. Er hat eine Therapie begründet, die lehrt, schwierige Gedanken anzunehmen, statt gegen sie zu kämpfen. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am Steuer Ihres Busses. Im Laufe der Fahrt, die für Ihr Leben steht, steigen immer neue Fahrgäste zu. Der Bus füllt sich mehr und mehr, es gibt viele nette und freundliche Leute, aber hinten sitzen auch unangenehme und laute Fahrgäste. Das sind die Sorgen, die Zweifel oder Ängste und andere schlechte Erfahrungen, die Sie im Laufe Ihres Lebens gemacht haben. Diese Passagiere sind laut, unangenehm, oft sogar drängend und bedrohlich. Permanent rufen sie dazwischen, meckern, möchten mitreden und obendrein auch noch den Kurs bestimmen. Was würden Sie tun? Es ist ja Ihr Bus, oder, wie Sie richtig verstanden haben, Ihr Leben.
Vorschlag eins: Um Ihre Ruhe zu haben und die Drohungen nicht mehr zu hören, tun Sie einfach das, was die Fahrgäste verlangen. Wenn sie rufen: „Bieg links ab!“, dann lenken Sie den Bus nach links. Die Folge: Die Fahrgäste sind vielleicht kurzzeitig leise, aber Sie fahren den Bus nicht mehr dorthin, wo Sie hinwollen. Sie geben also die Kontrolle auf.
Vorschlag zwei: Sie beginnen, mit den Passagieren zu diskutieren. Sie versuchen, sie zu überzeugen, dass sie unrecht haben, oder drohen ihnen, sie aus dem Bus zu werfen, wissen aber, dass das nicht wirklich geht. Die Folge: Sie verschwenden einen Haufen Energie im Kampf, und die Fahrgäste machen einfach weiter wie bisher.
Vielleicht kommen Ihnen diese beiden Versionen ja bekannt vor. Die unangenehmen Gedanken oder Passagiere steuern Sie, oder sie rauben Ihnen die Kraft, die Energie und auch die Lebensfreude. Stellt sich natürlich die Frage: Was können Sie sonst tun?
Vorschlag drei: Sie erkennen, dass Sie die Passagiere nicht loswerden können. Es gibt sie nun mal, diese Unstimmigkeiten, Zweifel, Probleme, Konflikte oder wirklichen Unglücksfälle. Denn das gehört zu jedem Leben. Das gilt für alltägliche Sorgen genauso wie, wie wir gleich bei Lucy Hone sehen werden, für echte Unglücks- oder Notfälle. Sie sagt es so: „Das Unglück macht keine Unterschiede.” Und dennoch liegt es in Ihrer Entscheidung, ob Sie den Bus lenken und wie Sie damit umgehen.
Lucy Hone, ihr Bus und ihr Unglück
Lucy Hone weiß, wovon sie spricht: Ihre zwölfjährige Tochter ist bei einem Unfall ums Leben gekommen. Das hat sie schwer getroffen. Neben all den Experten, die sie kannte und die ihr helfen wollten, neben all den Ratschlägen, die sie erhielt, und neben ihren eigenen Passagieren im Kopf entschied sie sich, am Steuer ihres Busses zu bleiben. Dabei hat sie drei Dinge ausprobiert, als es am schwersten war. Sie nennt sie ihre drei Geheimnisse der Resilienz, also der Kraft, wieder aufzustehen.
Erstens: Schweres oder Tiefen gehören zum Leben. Wir blättern abends durch Bilder, auf denen alle strahlen, und denken dabei: „Und ich? Warum darf oder kann ich nicht glücklich sein?” Wer einmal verstanden hat, dass Unangenehmes und Schweres zu jedem Leben gehört, weiß, dass dies „nur der Glanz der Fassade” ist, und fühlt sich sofort weniger ungerecht behandelt. Lucy Hone ließ bei ihrem Vortrag all jene im Saal aufstehen, die einen Menschen verloren, eine Kündigung bekommen, Streit oder Not oder, wie Hone selbst, ein Unglück erlebt hatten, und fast der ganze Saal stand. Eines steht fest: Mit Ihren Sorgen und Ängsten sind Sie nicht allein.
Zweitens: Dem Guten zuwenden. Hone erzählt, in ihrer Küche hänge ein Plakat, das sie ans Sehen und Annehmen des Guten erinnert. Dazu passt auch eine Studie von Martin Seligman und Kollegen aus dem Jahr 2005: Menschen, die abends drei gute Dinge des Tages notierten, ging es längerfristig besser. Sie haben ja bereits erfahren, dass das Schöne und Gute wie ein Ei von der Pfanne rutscht. Aber es ist wichtig, genau das in unserem Kopf zu behalten, denn es ist ebenfalls die Realität. Und das kostet nur zwei Minuten und einen Zettel am Abend.
Drittens: Hilft es mir oder schadet es mir? Hone stellte sich diese Frage, wenn sie spätabends allein die alten Fotos ihrer Tochter ansah, immer betrübter wurde und schließlich in der Trauer versank. Wenn die Passagiere den Bus übernehmen, ob es die Konflikte von gestern sind, das Versäumte oder die Ängste vor morgen, verlieren Sie die Kontrolle. Hone sagt, genau diese Frage „Hilft es mir oder schadet es mir?” habe sie auf den Fahrersitz zurückgebracht, und sie war wieder am Steuer ihres Busses.
über Alltagsprobleme und eine Waschmaschine
Wir gewöhnen uns sehr schnell an das Gute, und so stellen wir jetzt eine etwas ungewöhnliche Frage: „Was hat ein Spiegelei mit einer Waschmaschine gemeinsam?” Dr. Hans Rosling, ein schwedischer Arzt, Professor und begabter Vermittler von wissenschaftlichen Erkenntnissen, hat dazu 2010 bei einem Vortrag eine wahre und erstaunliche Geschichte erzählt. Als er 1952 vier Jahre alt war, kam in der Familie die erste Waschmaschine ins Haus. Die Eltern hatten jahrelang gespart. Die Großmutter, die ihr ganzes Leben lang Wasser auf dem Feuer erhitzt und die Wäsche für sieben Kinder von Hand gewaschen hatte, durfte bei der ersten Wäsche den Knopf drücken. Dann setzte sie sich vor die Maschine und sah gebannt dem Waschvorgang zu. Für sie war es ein Wunder. Roslings Mutter sagte später: Wir können ab jetzt in die Bücherei gehen. Aus der Maschine kamen sprichwörtlich die Bücher, die später auch zu einem Studium führten, denn die Mutter hatte nun die Zeit, ihm vorzulesen. Für die meisten Besucher im Saal war eine Waschmaschine das Gewöhnlichste auf der Welt, weshalb die Geschichte sie berührte und zugleich amüsierte. Doch nun zum wirklichen Kern des Vortrags.
Von sieben Milliarden Menschen, so erläuterte es Rosling nach dem Stand von 2010, kochen zwei Milliarden noch am offenen Feuer. Drei Milliarden haben Strom und Licht, aber keine Waschmaschine. Nur eine Milliarde hat eine Waschmaschine. Und die letzte Milliarde, also die wirklich reichen Leute, fliegt in den Urlaub und hat das Haus voller Maschinen. Wir hier in Europa gehören, wenn wir ehrlich sind, zu den beiden letzten Gruppen. Also stellt sich die Frage: Wie „leidvoll” ist unser alltägliches Leben? Wie viele Gründe haben wir, außer wirklich schicksalhaften Ereignissen wie bei Lucy Hone, die uns die Freude rauben.



Das bedeutet nicht, dass wir keine Unannehmlichkeiten, Probleme oder Lasten haben, und niemand behauptet, dass es immer leicht sei. Aber wir dürfen uns fragen: Was von all dem, was wir haben, rutscht an uns ab wie das Spiegelei von der Pfanne? Der warme Raum, das fließende Wasser, die Waschmaschine, der Fernseher und was sich sonst noch an Annehmlichkeiten in unserem Leben befindet.
Unser Kopf hängt gerne am Schlechten und malt uns den Tiger auch dann an die Wand, wenn keiner da ist. Das ist seine Bauart. Zuerst der Tiger und erst dann der Regenbogen. Diese Voreinstellung oder Angewohnheit können wir dem Gehirn nicht abgewöhnen oder ändern, aber wir können es steuern und lenken. Hone hat drei Wege dafür gezeigt:
wissen, dass Schweres zu jedem Leben gehört,
das Gute bewusst mit hineinnehmen und schließlich
sich fragen, ob etwas gerade hilft oder schadet.
Wer möchte, probiert es mal aus, mit einem Zettel und einem Stift oder mit der Frage „Hilft es mir oder schadet es mir?”
Kehren wir zum Schluss noch einmal zu Ihrem Teeabend zurück. Derselbe Abend, derselbe Tee, vielleicht schon etwas abgekühlt. Die Gedanken melden sich wieder, die unangenehmen Fahrgäste auch. Aber Sie wissen jetzt, warum sie so störend sind: Unser Kopf hängt nun mal am Schlechten, sucht immer den Tiger und konzentriert sich aufs Schlechte, so ist er gebaut.
Denken Sie daran, Sie können ans Steuer. Vielleicht ist nicht alles in Ihrem Leben gelungen. Den Tee zu genießen, das kann Ihnen gelingen, heute und morgen, denn Sie wissen jetzt, wie es geht. Und übrigens, das Wasser fließt warm aus dem Hahn, im Keller wartet eine Waschmaschine, den Fernseher können Sie abdrehen und das Handy beiseite legen. Das entscheiden Sie und nicht die Fahrgäste.
Und möglicherweise notieren Sie heute drei gute Dinge auf einen Zettel oder fragen sich: Hilft mir das Grübeln gerade? Oder freue ich mich lieber an den angenehmen Dingen, die ich habe?
Falls Ihnen der Beitrag gefallen hat, freuen wir uns, wenn Sie das nächste Mal wieder dabei sind. Die „Rente al dente” Redaktion.
Hintergrund u. Wissenschaft
Lucy Hone ist Psychologin und Forscherin in Christchurch, Neuseeland. Sie hat an der University of Pennsylvania studiert und leitet das New Zealand Institute of Wellbeing & Resilience. Ihre drei Geheimnisse erzählt sie im Vortrag “3 secrets of resilient people” (TEDxChristchurch): https://www.ted.com/talks/lucy_hone_3_secrets_of_resilient_people
Martin Seligman und Kollegen (Positive Psychology Center, University of Pennsylvania) berichten 2005 über eine Internet-Studie mit Zufallsverteilung, in der einige Übungen, darunter die drei guten Dinge, anhaltend mehr Glück und weniger Niedergeschlagenheit brachten: DOI, PubMed 16045394.
Roy Baumeister und Kollegen: “Bad is stronger than good”, Review of General Psychology 2001: DOI.
Steven Hayes begründete die Akzeptanz- und Commitment-Therapie: Hayes u. a., Behav Res Ther 2006: DOI.
Hans Rosling, Vortrag “The magic washing machine” (TEDWomen 2010): https://www.youtube.com/watch?v=BZoKfap4g4w
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