Die nächtliche Vorlesung

GESCHICHTEN & DIALOGE

6/9/2026

Ein später Vorfall - die nächtliche Vorlesung

Die nächtliche Vorlesung

Es war schon nach Mitternacht, als Franz, ein rüstiger 70er und bekennender Freigeist, seinen fast ebenso alten, aber treuen Opel Corsa durch menschenleeren Straßen lenkte. Er hatte bei seinem Freund Karl, der wie er, ein Nachtschwärmer war, ein wirklich herausforderndes Schachspiel verloren – und dabei völlig die Zeit aus den Augen verloren. Martha, seine von Pünktlichkeit getriebene Frau würde ihn mit Sicherheit schon erwarten. Franz konnte bereits den Ärger spüren, der ihn erwartet, wenn er an Marthas Blick dachte.

Plötzlich blitzte im Rückspiegel ein blaues Licht auf. Franz, der sich selten etwas zuschulden kommen lies, zuckte kurz zusammen. Eine Polizeistreife! Wie es sich gehört, fuhr er brav an den Straßenrand und kurbelte das Fenster herunter, während zwei junge Polizisten, kaum älter als seine Enkel, auf ihn zukamen.

„Guten Abend, mein Herr“, sagte der eine Polizist, ein stattlicher und gewichtiger Mann mit einem freundlichen, aber dennoch bestimmenden Gesichtsausdruck. „Wissen Sie, warum wir Sie angehalten haben?“

Franz, der sich plötzlich aus seinen Gedanken und der Vorahnung auf die Begegnung seiner Frau gerissen fühlte, wurde ein wenig unsicher. Er dachte: "Bin ich zu schnell gefahren?" oder was ist sonst der Grund für diese Kontrolle?. Er schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, junger Mann, ich habe keine Ahnung. Ich bin doch ordentlich gefahren oder?“

Der zweite Polizist, etwas kleiner und mit einem Notizblock in der Hand, beugte sich vor. „Es ist nach ein Uhr morgens. Können Sie uns sagen, wo Sie um diese Zeit noch hinfahren?“

Franz atmete kurz durch, denn jetzt kam der vielleicht etwas schwierigere Teil der Befragung. Er überlegte kurz und sagte dann mit einer gewissen Ernsthaftigkeit: „Ich bin auf dem Weg zu einem Vortrag.“

Die beiden Polizisten tauschten kurz einen verständnislosen Blick aus. Ein Vortrag? Um diese Uhrzeit?

„Ein Vortrag?“, fragte der erste Polizist ungläubig, aber bestimmt nach. „Um diese Uhrzeit, ein Uhr nachts? Welcher Vortrag soll das denn sein, wenn ich fragen darf?“

Franz nickte: „Oh ja, das wird wahrscheinlich ein sehr ernster Vortrag. Einer, den ich auf keinen Fall verpassen darf.“ Er lehnte sich zurück und sah die beiden Beamten mit einem verlegenen Grinsen an, was sie jedoch nicht gleich bemerkten. „Es wird der Vortrag meiner Frau. Dieser erwartet mich bestimmt schon, weil ich so spät nach Hause komme.“

Einen Moment lang herrschte Stille. Die Polizisten starrten ihn an, in ihren Gesichter zeigte sich eine Mischung aus Überraschung, gefolgt von einer einer mitfühlenden Erkenntnis. Dann kam dem kleinere Polizist in ein kurzes Lächeln über die Lippen, das er zu unterdrücken versuchte, indem er sich die Hand vor den Mund hielt. Der zweite Polizist schüttelte zuerst den Kopf, dann verwandelte sich aber sein dienstliches Gesicht ebenfalls zu einem breiten Grinsen.

„Ich verstehe“, sagte der erste Polizist, immer noch schmunzelnd. „Bestimmt ein sehr wichtiger Vortrag. Ich nehme an, Sie bereiten sich gerade gedanklich darauf vor?“

Franz seufzte theatralisch. „Leider wird mir das nichts helfen. Ich fürchte, ich muss ihn spontan über mich ergehen lassen. Aber ich bin sicher, er wird sehr impulsiv und lehrreich sein.“

Die Polizisten konnten nun beide ihr Lachen nicht mehr verbergen. „Lieber, Herr Müller“, sagte der Polizist, der sich als erster wieder gefasst hatte. „Wir wollen Sie dann nicht länger aufhalten. Sie haben offensichtlich einen unvermeidlichen und ernstzunehmenden Termin. Fahren Sie bitte vorsichtig und... viel Erfolg beim Vortrag.“

Franz bedankte sich höflich, kurbelte das Fenster hoch und fuhr langsam weiter, aber auch mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Er wusste zwar, dass Marthas „Vortrag“ sicher nicht so amüsant werden würde wie diese Begegnung, aber zumindest hätte er jetzt noch eine gute Geschichte, mit der er den Vortrag etwas auflockern könnte.

themenverwandte Artikel

Was gibt es Neues?