Das Gehirn wird nicht alt - entdecken Sie, wie das Gehirn bis ins hohe Alter aktiv bleibt

MENTALE GESUNDHEIT

Das Gehirn wird nicht alt oder müde

Dr. Lara Boyd, eine führende Expertin auf dem Gebiet der Hirnforschung, hat unser Verständnis, wie das Gehirn funktioniert, revolutioniert. Ihre zentrale Botschaft ist ebenso einfach wie tiefgreifend: Unser Gehirn ist oder wird nicht unbeweglich, alt oder müde, wenn wir es benützen, Es verändert und entwickelt sich ein Leben lang. Diese Fähigkeit zur Veränderung nennt man die Neuroplastizität.

Wissen - Wie das Gehirn aktiv bleibt

Die drei Säulen der (neuronalen) Fähigkeiten des Gehirns

Neuroplastizität – die Fähigkeit des Gehirns, sich bis ins hohe Alter, also nahezu lebenslang zu verändern – erfolgt über drei Wege: der schnelle Weg (Kurzzeitgedächtnis), die solide Veränderung (neue Strukturen bilden) und die optimierte Funktion (effiziente Nutzung). In jedem Alter trainierbar, besonders ab 55+.

Wie du dein Gehirn trainierst und aktiv hältst

Dr. Lara Boyd, eine führende Expertin auf dem Gebiet der Hirnforschung, hat unser Verständnis davon, wie unser Denkorgan funktioniert, revolutioniert. Ihre zentrale Botschaft ist ebenso einfach wie tiefgreifend: Unser Gehirn ist oder wird nicht unbeweglich, alt oder müde, wenn wir es benützen, sondern es verändert sich ein Leben lang. Diese Fähigkeit zur Veränderung nennt man die Neuroplastizität. (mehr dazu auch hier)

Stellen Sie sich Ihr Gehirn nicht als eine fest verdrahtete und mit der Zeit verbrauchte Maschine vor, sondern vielmehr als einen lebenslangen, form- und trainierbaren Muskel, der durch jede Ihrer Handlungen, jeden neuen Gedanken und jede neue Erfahrung gestärkt, gestaltet und verändert wird. Dr. Boyds Forschung zeigt uns die Mechanismen dahinter und was das für unser tägliches Leben, für Lernen und für die Genesung nach Krankheiten bedeutet.

Die mentalen Veränderungs-prozesse im Gehirn

Laut Dr. Boyd finden die Veränderungen im Gehirn auf verschiedenen auf einander folgenden Wegen statt. Der erste und flüchtige Weg (die Stimulation), der zweite, der konkret handelnde Weg (die Wiederholung) und der dritte, sich festigende und optimierte Weg (die Integration, mit anderen Worten, die natürliche und effiziente Anwendung).

schnelle Veränderung (Kurzzeitgedächtnis & schnelles Lernen)

Was passiert? Wenn Sie etwas Neues lernen oder eine neue Bewegung ausprobieren, erhöhen die Nervenzellen (Neuronen) kurzfristig die Konzentration und Ausschüttung von chemischen Botenstoffen (Neurotransmittern) in den Verbindungsstellen (Synapsen). Dies verbessert die Anpassungsfähigkeit, die Verbindung und Kommunikation zwischen den Zellen.

Der Effekt: Diese Art der Veränderung funktioniert sehr schnell, löst sich aber bald wieder auf. Es ist die Grundlage für das Kurzzeitgedächtnis. Wenn Sie beispielsweise eine neue Telefonnummer lernen, sorgt die Hormone dafür, dass Sie sie sich für ein paar Minuten merken können. Hören Sie jedoch auf, die Nummer zu wiederholen, verblasst die Information wieder.

Beispiel: Sie probieren zum ersten Mal ein neues Rezept aus. Die Konzentration, die Sie aufbringen, führt zu einer schnellen Anpassung, die Ihnen hilft, die Schritte zu befolgen. Das ist besonders im Alter hilfreich für Menschen 55+, die noch neue Fähigkeiten erlernen möchten, wie eine Sprache oder ein neues Instrument."

Konkrete Veränderungen (Langzeitgedächtnis - dauerhafte Fähigkeiten)

Was passiert? Wenn Sie eine Handlung oder einen Gedanken immer wieder wiederholen, beginnt das Gehirn, seine Struktur zu verändern und sich auf die Veränderung oder das Neue anzupassen. Es verstärkt die Verbindungen zwischen den Nervenzellen die es für die Veränderung braucht. Die "Pfade" zwischen den Neuronen, die für diese Aufgabe zuständig sind, werden stärker, schneller und effizienter. Es können sogar ganz neue Netzwerke und Verbindungen entstehen und sie können auch etwas, was sie ihr ganzes Leben noch nicht gemacht haben, erlernen.

Der Effekt: Diese Veränderung sind strukturell beständiger, brauchen ein wenig Zeit und erfordern ihren Willen, sind dafür aber dauerhaft. So entstehen neue Strukturen im Langzeitgedächtnis und auch neue motorische Fähigkeiten.

Beispiel: Ein Musiker, der täglich übt, stärkt die neuronalen Verbindungen und Netzwerke, die für die Fingerbewegungen und das Gehör zuständig sind. Die Bereiche im Gehirn, die für die Finger zuständig sind, werden physisch größer und stärker miteinander vernetzt. Das Gleiche gilt für das Erlernen von neuen Fähigkeiten, ab einem gewissen Alter, zum Beispiel bei Menschen über 60+. Was dabei besonders hilfreich und gewinnbringend ist, ist die Veränderung von belastenden Denkmustern, wie Sorgen, Selbstzweifel oder Ängsten, sogar bei Schlaganfällen, wie Lara Boyds Forschungen zeigen.

Die optimierte Funktion und Veränderung (Effizienz & Kompensation)

Was passiert? Mit zunehmender Übung verändert sich nicht nur das Gehirn, sondern es lernt, welche Bereiche für eine bestimmte Aufgabe am besten zusammenarbeiten. Anfangs wird vielleicht ein etwas größeres Netzwerk an Gehirnregionen aktiviert. Mit der Zeit optimiert das Gehirn diesen Prozess, es wird immer effizienter und nutzt ein kleineres, aber auf die Aufgabe oder Ansprüche spezialisierteres und damit effektiveres Netzwerk. Mit anderen Worten, was am Anfang vielleicht noch ungewöhnlich oder umständlich wirkt, wird immer leichter, bis es wie von selbst passiert.

Der Effekt: Aufgaben, die anfangs mehr Konzentration erforderten, laufen plötzlich "automatisch" ab. Das Gehirn hat gelernt, die Aufgabe mit minimalem Aufwand zu erledigen. Diese Fähigkeit zur funktionellen Reorganisation ist auch entscheidend für die Genesung nach einer Hirnverletzung, wie zum Beispiel einem Schlaganfall, gerade hier haben Lara Boyds Forschungen, völlig neue Erkenntnisse gebracht. Gesunde Gehirnbereiche können lernen, die Funktionen der beschädigten Areale zu übernehmen.

Beispiel: Als Sie in der Fahrschule Autofahren lernten, mussten Sie sich auf jede einzelne Handlung konzentrieren: kuppeln, schalten, lenken, blinken. Heute erledigt Ihr Gehirn das alles nebenbei, während Sie einem Gespräch folgen oder Radio hören. Es hat die Aufgabe funktionell optimiert. Ein Prozess, der gerade im Alter hilft, leichter körperliche Einschränkungen anzupassen und alternative Lösungen zu finden.

Schlüsselerkenntnisse aus Dr. Boyds Forschung

1. Das Verhalten ist der Motor der Veränderung:

Das wichtigste ist unsere Einstellung und unser eigenes Verhalten. Nichts verändert das Gehirn so sehr wie die Dinge, die wir tun und die Erfahrungen, die wir machen. Besonders im höheren Alter, wenn wir bewusste Entscheidungen treffen können, neue Dinge zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln."

2. Es gibt keine Einheitslösung:

Eine der vielleicht überraschendsten Erkenntnisse von Dr. Boyd ist, dass Veränderung, also Neuroplastizität individuell ist. Ihr Gehirn ist durch Ihr bisheriges Leben einzigartig, und braucht bei Veränderungen in den späteren Jahren auch ihre eigene Strategie.

3. Motivation und Wiederholung sind entscheidend:

Positive Veränderungen geschehen nicht von allein oder über Nacht. Sie erfordern eine gezielte Motivation und vor allem Wiederholung. Nur durch die Wiederholung signalisieren wir dem Gehirn, dass wir diese Veränderung wirklich wollen und dass die neue Verbindung im Gehirn wichtig ist und verstärkt werden muss.

Vergessen: Die Kehrseite der Neuroplastizität

Auch Vergessen ist ein aktiver neuroplastischer Prozess. Er ist entscheidend, weil unser Gehirn sich nicht mit unwichtigen Informationen überladen will. Auch Vergessen ist ein aktiver Prozess. Wenn Verbindungen zwischen Neuronen nicht mehr verwendet werden, schwächen sie mit der Zeit ab – dieser Prozess heißt Langzeit-Depression (LTD).

Die gute Nachricht: Das ist ein wichtiger Aufräummechanismus, der Platz für neue Informationen schafft. Im Alter (ab 55+) bedeutet das: Du kannst alte belastende Denkmuster bewusst „loslassen" und neue etablieren.

Fazit: Du bestimmst, was in deinem Kopf passiert

Die Forschung von Dr. Lara Boyd gibt uns eine unglaublich ermutigende Botschaft mit auf den Weg: Sie sind der Architekt Ihres Gehirns und können selbst bestimmen, WAS oder WIE Sie denken oder sich fühlen. Sie sind nicht auf die Fähigkeiten und Denkmuster festgelegt, die Sie heute haben. Durch bewusstes Handeln, gezieltes Üben und die Bereitschaft, alte Gewohnheiten zu hinterfragen, können Sie Ihr Gehirn aktiv gestalten. Ob Sie eine neue Fähigkeit erlernen, eine schlechte Angewohnheit ablegen oder einfach nur geistig fit und neugierig bleiben wollen – die Neuroplastizität macht es möglich, in jedem Alter.

Referenzen - Wissenschaftler:innen im Artikel

für mehr Informationen klicken Sie auf den Namen - weitere Wissenschaftler:innen im "who is who"

  • Dr. Lara Boyd: ist eine international anerkannte Hirnforscherin und Physiotherapeutin und Professorin an der University of British Columbia.

Praxisbeispiel - ein Dialog über Neuroplastizität

Kurzfassung - ganzer Dialog im Audioformat

Anna und Mark, Mitte 60, treffen sich in einem Café. Anna bemerkt, dass Mark deutlich entspannter und leichter wirkt als bei ihrem letzten Treffen, als er noch über den problematischen Kontakt zu seiner erwachsenen Tochter Lena sprach. Mark erklärt, dass sein strenger, belehrender Ton – geprägt durch seine eigene Erziehung – der Kern des Problems war.

Den Wendepunkt brachte ihm ein Vortrag der Hirnforscherin Lara Boyd über Neuroplastizität. Mark übertrug die Erkenntnisse auf sein Verhalten: Er rief Lena an, hörte ihr aber diesmal nur zu, ohne zu kritisieren oder Ratschläge zu erteilen – und die beiden führten völlig überraschend, ein einstündiges, konfliktfreies Gespräch. Diese Veränderung war ein ermutigender Anfang und wirkte nicht nur auf die Beziehung zu Lena, sondern auch auf Mark selbst: Er wurde entspannter, milder zu sich selbst, schlief besser und wurde sogar von seiner Nachbarin auf seine Ausstrahlung angesprochen. Anna entdecke darin den warmherzigen Jungen von früher aus ihrer Schulzeit wieder und lässt sich selbst dazu inspirieren, ihre eigenen alten Denkmuster zu hinterfragen.

Ein Dialog zwischen Mark und Anna über Neuroplastizität

praktische Beispiele für den Alltag

Wie das Gehirn bis über 70 + aktiv bleibt

themenverwandte Artikel

Was gibt es Neues?