Ich muss doch Dampf ablassen - wie emotionale Intelligenz hilft

GESCHICHTEN & DIALOGE

7/19/2026

Im Cafe - "Ich muss doch meinen Dampf ablassen, oder?"

Emotionale Intelligenz ist die Fähigkeit, Gefühle hilfreich für dein Leben zu nutzen. Der Neurowissenschaftler Antonio Damasio erkannte: Gefühle steuern all unsere Entscheidungen und unser Verhalten mehr als logisches Denken - wir sind nicht Denker, die fühlen, sondern Gefühlsmenschen, die denken. Im Alter ist diese Erkenntnis besonders wichtig und Gold wert: Wer seine Gefühle versteht, lebt bewusster, entspannter und gesünder.

Im Café: Wie emotionale Intelligenz im Alltag hilft

Die Szene: Ein gemütliches Cafe an einem sonnigen Nachmittag. Gisela rührt aufgewühlt in ihrem Cappuccino und wirkt innerlich angespannt

Helga: „...und dann habe ich dem Chef von diesem billigen Ramschladen da unten, mal gehörig meine Meinung gesagt. Wegen der Mülltonnen und dem ganzen Dreck, der von ihm kommt, du weißt schon. Meine Mutter hat immer gesagt: ‚Lass es raus, Kind, Wut ist wie Dampf im Kessel, dem du Luft machen musst. Wenn du es runterschluckst, bekommst du nur Magengeschwüre.‘ Jetzt fühle ich mich zwar noch aufgeregt, aber auch erleichtert, man muss sich doch Luft machen, oder?“

Renate: (lächelt fraglich, während sie ihre Gabel beiseite legt) „Ach Helga, erst vor Kurzen habe ich genau darüber einen interessanten Artikel gelesen. Das mit dem Dampf ablassen ist zwar eine alter Glaube ... stimmt aber so, wie man heute weiß, nicht mehr.“

Helga: „Wie meinst du das bitte? Das ist doch bekannt und man sagt doch schon immer.“

Renate: „Ja, aber die Wissenschaft sieht das heute etwas anders. Es stimmt, dass man das schon lange glaubt, aber der Professor, Richard Davidson hieß der, glaube ich, der sagt: Unser Hirn ist ja kein Kochtopf, aus dem Dampf raus muss. Er vergleicht es eher mit einem Muskel, den man trainiert, wenn man etwas tut. Das heißt, jedes Mal wenn du dich so aufregst und deinen Ärger rausbrüllst, dann trainierst du gewissermaßen dein Gehirn darauf, noch stärker oder besser im Wütendsein zu werden. Du baust quasi eine Ärger-Autobahn in deinem Kopf.“

Helga: (hält kurz inne) „Na toll. Das heißt, ich werde im Alter immer grantiger und aufbrausender, weil ich es übe?“

Renate: „Könnte man fast so sagen. Aber das Gute ist: Es funktioniert auch andersrum, denn wir können auch die Richtung ändern, wenn wir das wollen, das ist einzig und allein unsere Entscheidung“

Helga: „Ach Renate, jetzt noch?... in unserem Alter? Ich bin eben, wie ich bin.“

Renate: „Klar stimmst’s, du bist, wie du bist, aber das ist kein Zwang oder von mir aus Schicksal. Du weißt doch, dass mich diese Themen interessieren und ich gerne, wann immer ich etwas finde, darüber lese. Unsere Gefühle sind einfach nur Erfahrungen und in uns gespeichert sind, wie in einer Bibliothek.

Helga: „Genau, und meine Bibliothek sagt mir: Der Chef von diesem Ramschladen ist ein Idiot.“

Renate: (lacht kurz auf) „Da hast du wahrscheinlich recht, aber anstatt dich zu ärgern und in deine Wut hineinzusteigern, könntest du dich auch mal fragen: Was brauche ich jetzt, damit es mir gut geht? ... denn, diesen Typen wirst du wohl kaum ändern können. Ruf von mir aus die Hausverwaltung an, sag ihnen in aller Ruhe was los ist und die sollen sich darum kümmern. Damit hat es sich. Und dann versuchst du dir etwas Gutes zu tun, anstatt dich weiter über diesen Menschen aufzuregen.

Helga: „Du meinst also mehr auf mich achten, statt auf ihn?“

Renate: „Genau; das meine ich. Mittlerweile weiß man, dass negative Gefühle und Emotionen unser Immunsystem schwächen und uns krank machen. Barbara Fredrickson zum Beispiel hat bewiesen, dass gute Gefühle – wie jetzt hier unser Kaffee oder die Sonne da draussen – uns entspannen, gut tun und unseren Geist frei machen. Ärger macht uns engstirnig, wie ein Tunnel, in dem wir stecken, solange wir verärgert sind.“

Helga: „Den Geist frei machen... das klingt schön. Ich merke ja selbst, wenn ich mich über diesen Typen ärgere, wie es mich müde macht. Ich dachte immer, die Gefühle sind halt da und da kann man nichts machen.“

Renate: „Natürlich stimmt’s, dass Gefühle plötzlich auftauchen, aber wir können entscheiden, ob sie uns gut tun und welche wir haben wollen. Du drehst ja auch das Radio leiser, wenn es für dich zu laut ist und denkst nicht, das müssen meine Ohren jetzt aushalten, oder? Wie schon gesagt, dein Ärger wird ihn sicher nicht ändern, aber im ungünstigen Fall dich. Wir müssen niemandem mehr etwas beweisen oder die Zähne zusammenbeißen. Wir sollten uns vielmehr darum kümmern, dass es uns gut geht.

Helga: (nimmt einen genüsslichen Schluck Kaffee) „Weißt du was? Der Nachbar kann mich mal gernhaben. Dieser Käsekuchen hier... und das steht fest, .... der ist gerade viel wichtiger für meine Gefühle“ (beide lachen hörbar auf)

Renate: (hebt ihre Tasse) „Auf den Käsekuchen und darauf, ob du dir die Stimmung von irgendjemand vermiesen lässt, nur weil er ein Idiot ist. Es ist sicher niemals zu spät, sein Leben zu genießen.“

Helga: „Ich fühle, und so bin ich. War das so?“

Renate: „So ähnlich, aber genau so stimmt‘s.

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