Zehntausend Mal älter als wir und heute in unserem Bauch
IMMUNSYSTEM
Zehntausend mal älter - in unserem Bauch
Wir Menschen betrachten uns gerne, als besondere Spezies. Wenn man jedoch die Erdgeschichte auf einen 24-Stunden-Tag rechnet, sieht es ein wenig anders aus. Gab es die Bakterien bereits um 02:00 morgens, erschien der Mensch erst kurz, genau gesagt 4 Sekunden vor Mitternacht, also um 23:59:56 Uhr hier auf der Welt. Bakterien waren - auch das, was wir heute als Darmflora oder Mikrobiom kennen und bezeichnen -, schon lange vor uns da und beeinflussten von Anfang an, das Leben auf diesem Planeten.


Hören statt Lesen - Zehntausend Mal älter, in unserem Bauch


Älter und in unserem Bauch
Bei einer Familienfeier begrüßt der Gastgeber alle Gäste, schon wie gewohnt nach Generationen aber in diesem Fall mit den Dienstältesten. Alle sind ganz erstaunt, denn zuallererst begrüßt er die Bakterien. Warum die? Weil kein anderes Lebewesen schon so auf der Erde ist. Es gibt sie seit rund dreieinhalb Milliarden Jahren. Milliarden! Das ist siebenmal länger als alles andere, was aus mehr als aus einer Zelle besteht, und etwa zehntausendmal länger als die Menschen.
Wir Menschen betrachten uns ja gerne, als besondere Spezies, doch wenn man die Erdgeschichte auf einen einzigen 24-Stunden-Tag veranschaulicht, sieht es doch ein wenig anders aus. Denn die Bakterien kämen dabei schon recht früh, so gegen 02:00 Uhr begannen sie die Meere zu bevölkern, um 21:40 Uhr (also vor rund 450 Millionen Jahren) erscheinen die ersten Pflanzen, in Form von Algen im Wasser. Gegen 23:00 Uhr (also vor ca. 200 Millionen Jahren) tauchten dann unsere fernen Vorfahren, die ersten Säugetiere auf, 15 Minuten später die ersten Vögel (vor 150 Millionen Jahren) und schließlich um 23:58 Uhr nach den ersten Primaten (vor ca. 6 Millionen Jahren). als Vorfahren des Menschen, betritt endlich der moderne Mensch (Homo sapiens) selbst, so gegen 23:59:56 Uhr die Bühne der Welt.
Das für uns, also den Menschen vielleicht Erstaunlichste, aber Normalste der Evolution, die Bakterien bestimmten oder beeinflussten von Anfang an, das Leben auf diesem Planeten. Die ältesten Gäste haben es sich längst überall gemütlich gemacht. Im Wasser, auf Pflanzen, auf Tieren, in der Luft und natürlich auch bei uns, in unserem Bauch, auf der Haut und im Mund. Wer nach dem Duschen glaubt, er sei jetzt allein im Badezimmer, irrt sich. Wie das kommt und was sie so treiben, schauen wir uns jetzt in Ruhe an.
Was sind Bakterien überhaupt?
Ein Bakterium ist ein Lebewesen, das nur aus einer einzigen Zelle besteht. Es ist so klein, dass wir es ohne Mikroskop nicht sehen können. Deshalb nennt man Bakterien und ihre winzigen Verwandten, zum Beispiel Pilze oder Viren, auch Mikroben. Bakterien sind unter ihnen die Zahlreichsten. „Mikro“ bedeutet klein, und mit „Biom“ ist eine Gemeinschaft gemeint.
Das Wichtigste viellcith vorweg: Gefährlich sind die Wenigsten. Forscher schätzen, dass es auf der Erde rund eine Billion, anders gesagt, eine Million Millionen oder 1.000 Milliarden Mikrobenarten gibt. Auf eine Million kommt nicht einmal eine gefährliche. Der große Rest ist entweder harmlos oder in den meisten Fällen sogar nützlich.
Wie kommen sie in oder zu uns?
Den ersten Schub bekommen wir bei der Geburt, überwiegend von der Mutter. Bei einem Kaiserschnitt fällt dieser erste Schub etwas geringer aus. Danach kommt der Rest von allein: durch die Nähe zu Familie und Freunden, durch das, was wir essen, und durch die Umgebung, in der wir leben.
Bei Menschen, die noch traditionell leben, etwa in einem abgelegenen Dorf der Yanomami im Amazonas, hat man eine besonders vielfältige Gemeinschaft gefunden, vielfältiger als bei Vergleichspersonen in den westlichen Industrieländern. Essen, Umwelt und Lebensweise spielen dabei vermutlich zusammen. Mehr dazu vielleicht in einem eigenen Beitrag über Naturvölker. Antibiotika zum Beispiel können die Gemeinschaft verändern. Wenn sie nötig sind, sind sie ein Segen, nehmen wir zu viel, kann sich das auf das Mikrobion auch schädlich auswirken.
2016 haben Forscher einmal nachgezählt, wie viele in uns wohnen. Ergebnis: ungefähr 38 Billionen Bakterien und ungefähr 30 Billionen eigene Zellen. Das ist etwa eins zu eins. Gewogen kommen die Mitbewohner auf rund 200 Gramm, so viel wie ein Becher Joghurt. Und das Besondere: jeder Mensch hat seine eigene Mischung. Unser Mikrobiom ist also so etwas wie ein Fingerabdruck.
Was machen sie so den ganzen Tag?
Mehr, als man glaubt oder sich vorstellen kann. Sie helfen uns, Nahrung aufzuspalten. Sie unterstützen unser Immunsystem, und unser Darm hat dafür sogar sein eigenes Abwehrgewebe. Die vielfältige Gemeinschaft lässt Krankheitserregern außerdem wenig Platz, ein bisschen wie ein vollbesetzter Bus, in dem für Schwarzfahrer kein Sitz mehr frei ist. Und sie tragen zudem zur Bildung von bestimmten Vitaminen bei.
Und dann gibt es da einen Draht nach oben. Darm und Gehirn tauschen sich ständig aus, unter anderem über einen langen Nerv, den Vagusnerv. Ob und wie die Bakterien unsere Stimmung beeinflussen, wird gerade erforscht. Mehr dazu in unserem Beitrag Dream Team: Wie Darm und Hirn kooperieren. Mittlerweile, weiß man auch, Serotonin – oft aals „Glückhormon“ bezeichnet, entsteht im Darm.
Sind alle eins oder gibt es Unterschiede?
Es gibt viele Tüchtige, Mitläufer aber auch ein paar Unruhestifter. Entscheidend scheint die Mischung zu sein. Eine geringe Vielfalt wird mit Beschwerden in Verbindung gebracht, zum Beispiel mit Darmentzündungen, Übergewicht oder Typ-2-Diabetes. Von der „Macht der Mikroben“ berichtet die Biologin Alanna Collen in ihrem Buch. (mehr darüber hier)
Gut belegt: Mikroben gibt es ungefähr so viele wie eigene Zellen. Sie unterstützen und bei der Verdauung, Aufnahme von bestimmten Nährstoffen, Produktion von Vitaminen und fördern unsere Immunabwehr.
Hinweise: In einer Studie aßen 612 ältere Menschen ein Jahr lang mediterran, also viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Olivenöl und Fisch. Dabei nahmen Bakterien zu, die mit weniger Gebrechlichkeit und niedrigeren Entzündungswerten einhergingen.
Was können wir für eine gute Darmflora (Mikrobiom) tun?
Bestimmtes Gemüse oder Getreide: Zum Beispiel Linsen, Fenchel oder Haferflocken. In einer großen Auswertung (Meta-Studie) hatten Menschen mit rund 30 verschiedenen Pflanzen pro Woche eine vielfältigere Gemeinschaft.
Mediterrane Kost & Küche: Gemüse, Hülsenfrüchte, Olivenöl, vielleicht Fisch. Einmal pro Woche könnte ein Anfang sein.
Milchsäurebakterien: Anders gesagt, Joghurt, Kefir oder Sauerkraut Eine Studie fand bei viel Vergorenem, also eingelegten Obst oder Gemüse, mehr bakterielle Vielfalt und weniger Entzündungseiweiße.
Frisches Obst. Ein Apfel trägt über 100 Millionen Bakterien. Bei Bio-Äpfeln waren die Gemeinschaften vielfältiger.
Weitere Tipps: werden wir in unseren kommenden Artikeln veröffentlichen
Renate und Inge - gehen wieder auf den Markt


Kurzfassung - ein Garagengespräch über Autophagie
Renate und Inge treffen sich erstmals nach längerer Zeit auf einer Familienfeier wieder. Sie haben sich seit ihren regelmäßigen Marktbesuchen nicht mehr gesehen, da es den Bauernmarkt seit einigen Monaten nicht mehr gibt. Doch Renate fährt seit neuem zu einem anderen Markt in der nächsten größeren Gemeinde ... und der Grund ist ein Buch, dass sie gelesen hat, "die stille Macht der Mikroben". Nachdem Inge davon hört, beschließen beide, wieder gemeinsam zu fahren, nicht nur, weil sie sich dann wieder regelmäßig sehen, sondern auch, um ihrer Darmflora Gutes zu tun.
themenverwandte Artikel


