Rente al dente - Die unsichtbaren Vorzüge des Alters

MENTALE GESUNDHEIT

Altern ist nicht die Endstation, sondern eine Phase einzigartiger Möglichkeiten, Chancen und Potenziale. Sollten auch Sie – ähnlich we in der heutigen Gesellschaft - das Alter als eine Zeit des unaufhaltsamen Abbaus, des Verlusts von Fähigkeiten und Rückzugs betrachten, könnte Ihnen dieser Beitrag, ein völlig anderes und wirklich hoffnungsvolles Bild vor Augen führen, das eine der brillantesten Wissenschaftlerinnen des 20. Jhds. erforschte und zeichnete.

in Kürze - worum geht's
Wissen - Rente al dente - die unerkannten Vorzüge des Alters

Das Alter wird in unserer Gesellschaft als eine Zeit des unaufhaltsamen Abbaus, des Verlusts von Fähigkeiten und des Rückzugs dargestellt. Es ist ein Bild, das von Sorgen, laufend neuen Beschwerden und Defiziten geprägt ist. Doch was, wenn diese Perspektive nicht nur unvollständig, sondern grundlegend falsch ist?

„Der Körper mag Falten bekommen, das Gehirn aber nicht.“ Mit diesem provokanten, aber ebenso richtungsweisenden Satz fasste die Nobelpreisträgerin Rita Levi-Montalcini ihre Erkenntnisse zusammen. In einer Gesellschaft, die das Alter als eine Zeit des Verlusts und des alternativlosen Verfalls betrachtet, erläutert Ihr inspirierendes Buch „Die Vorzüge des Alters“ einen wissenschaftlich fundierten und klaren Denkansatz, der nicht nur durch ihre eigenen Studien untermauert, sondern auch von den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen vollumfänglich bestätigt wird.

Rente al dente - "die Vorzüge des Alters"

Vorbei der Glaube, das Gehirn sei ein statisches Organ, das nach der Jugend oder spätestens nach dem mittleren Lebensalter nur noch abbaut. Es ist bis ins höchste Alter fähig, neue neuronale Verbindungen zu knüpfen, sich neu zu organisieren, auf neue Reize zu reagieren und sich (weiter) zu entwickeln. Mit der Entdeckung der Neuroplastizität, also der Fähigkeit des Gehirns, sich lebenslang, strukturell und funktionell anzupassen, sind Glaubensätze wie „daran kann „man“ oder „ich“ nichts ändern“, nicht mehr haltbar.

Genau in dieser Idee liegt die tiefste und vielleicht wichtigste Botschaft. Es ist das Geheimnis des reifen Geistes, aus den „Herausforderungen“ des Lebens nicht nur Wissen zu erlangen, sondern Weisheit zu gewinnen. Sie formulierte es so: „Das Gehirn erreicht erst im Alter seine höchste Leistungsfähigkeit. Es verfügt über eine Formbarkeit, die es ihm erlaubt, sich bis zum Tod ständig neu zu organisieren und auf neue Reize zu reagieren.“

"Das Gehirn altert nicht, es reift"

Sie prägte den Begriff des „zerebralen Kapitals“ – was die Summe aus Wissen, Erfahrungen und emotionaler Reife beschreibt. Dieser Schatz erreicht in seiner natürlichen Form erst im Alter seinen Höhepunkt. Während ein junges Gehirn schneller rechnet, greift ein reifes Gehirn auf ein vernetztes und riesiges Archiv an Lebenserfahrung zurück. „Der Verfall des Körpers ist vielleicht unvermeidlich, aber der Geist kann weiterwachsen und reifen“.

Die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu überblicken und Muster zu erkennen, nannte sie Weisheit. „Heute, da ich ein langes Leben hinter mir habe, kann ich sagen, dass die Erfahrung der größte Wert ist. Sie erlaubt uns, die Gegenwart mit einer Tiefe zu verstehen, die der Jugend verwehrt ist.“

Anders als andere Organe verfällt das Gehirn nicht zwangsläufig, sondern es kompensiert Verluste durch neue Strukturen. Während bestimmte Fähigkeiten, wie die reine Verarbeitungsgeschwindigkeit, nachlassen mögen, kann das Gehirn durch neue Reize neue Verbindungen (Synapsen) knüpfen. Das Gehirn ist wie ein Muskel: Es bleibt stark, solange es gefordert wird. Levi-Montalcini betont dabei die aktive Rolle: „Das Gehirn ist kein passiver Empfänger von Informationen, sondern ein aktiver Konstrukteur der Realität. Was wir denken und tun, formt seine Struktur.“

Das zelebrale Kapital - der Wert der Erfahrung

Die Erhaltung der geistigen Fitness keine ist Frage des Schicksals, sondern eine Entscheidung, nicht in der Gewohnheit und Routine des Alltags zu versinken, sondern neue Dinge zu entdecken und zu erfahren. Der wichtigste Treibstoff für Gehirnentwicklung ist die Neugier. Wie schon erwähnt ist man sich in den Neurowissenschaften einig, auch wenn man es in andere Worte kleidet. „Nur wenn sich ein Mensch für etwas begeistert, kommt in seinem Gehirn die Gießkanne mit dem Dünger in Gang, werden all jene Netzwerke ausgebaut und verbessert, die der betreffende Mensch in diesem Zustand der Begeisterung nutzt“. (Gerald Hüther)

Ein aktives Interesse an sich selbst oder der Welt, die Bereitschaft zu lernen und die geistige Auseinandersetzung mit neuen Themen sind das beste Training für das Gehirn. Das Wichtigste ist, das Interesse nicht zu verlieren. Solange man neugierig ist, ist das Alter nur ein zeitlicher Aspekt aber kein Hindernis.“ Sie war überzeugt, dass die Leidenschaft für ein Thema – sei es Wissenschaft, Kunst, Musik oder soziales Engagement – der stärkste Motor für die Entwicklung neuer neuronaler Netzwerke ist. Passivität lässt das Gehirn verkümmern, aktive Auseinandersetzung mit der Welt hält es jung und flexibel.

Neugier als Lebenselixier – und Motor der geistigen Fitness

Die Kunst der Verwandlung, von der Kontrolle zur Akzeptanz. Das gefühlte Defizit: Ein Mensch, der sein Leben lang aktiv war, bemerkt, dass er nicht mehr so schnell oder so stark ist. Beweglichkeit und Ausdauer werden anstrengender. Wanderungen oder stundenlange Gartenarbeit sind vielleicht nicht mehr möglich, unter Umständen ist man sogar auf Hilfe angewiesen, um eine Glühbirne zu wechseln. Das Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Körper und den Alltag zu verlieren, kann zu Frustration, Wut und Trauer führen. Man kämpft gegen die eigenen Grenzen an.

Doch der ständige Kampf gegen das Unveränderliche raubt enorme Energie. Die Wende beginnt mit der Akzeptanz. Anstatt sich darüber zu ärgern, was nicht mehr geht, richtet sich der Fokus auf das, was möglich ist und wie man es neu gestalten kann. Der Kampf weicht einem „Ja“ zu den Gegebenheiten.

Gelassenheit - die entwickelte Stärke: Lernen Sie Momente zu genießen, anstatt einem alten Ideal nachzujagen. Aus diesem Frieden wächst eine tiefe Gelassenheit, die sie auch auf andere Lebensbereiche überträgt. Sie regen sich nicht mehr über nutzlose Kleinigkeiten auf. Sie haben gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen und auch verstanden, welchen Einfluss Ihre Denkweise, sowohl auf das körperliche Wohlbefinden und die Gesundheit hat.

Gelassenheit - „wie aus Defiziten Stärken werden“

Krankheit, vielleicht auch der Verlust eines nahestehenden Menschen oder die zunehmende Abhängigkeit von anderen konfrontieren uns mit unserer eigenen Verletzlichkeit. Man fühlt sich schwach und manchmal auch einsam. Diese Erfahrung kann zunächst verbittern und das Gefühl erzeugen, vom Leben benachteiligt zu sein.

Wer die eigene Zerbrechlichkeit schon selbst erfahren hat, entwickelt ein feines Gespür für das Leid anderer. Die abstrakte Vorstellung von Schmerz wird zu einer gefühlten Realität. Man bewegt sich von der Frage „Warum ich?“ hin zu dem Erkennen „Ich sehe dich, ich kann dich verstehen.“

Doch mit dem Verständnis und dem Mitgefühl für andere, kann auch noch eine weitere Reise beginnen, hin zum Selbst-Verständnis oder der Selbst-Empathie. Manchmal sind wir mit bestimmten Dingen oder Entscheidungen unseres Lebens uneins. Wenn wir uns dafür kritisieren, aktivieren wir das Bedrohungssystem unseres Gehirns und lösen Stressreaktionen in uns aus. Lernen wir hingegen Selbst-Verständnis oder Selbst-Empathie, aktivieren wir ein völlig anderes neurologisches System das (Care System). Es schüttet beruhigende Hormone wie Oxytocin und Endorphine aus. Diese Hormone senken den Stress, erzeugen Gefühle von Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit mit sich und anderen. (mehr dazu hier – Selbstempathie Kirstin Neff)

Empathie: Von der Verletzlichkeit zur Stärke des Mitgefühls

Die Erkenntnis, dass die verbleibende Lebenszeit endlich ist, kann in manchen Fällen Angst auslösen. Die „unendlichen“ Möglichkeiten der Jugend sind vorbei. Man blickt vielleicht auf verpasste Chancen zurück oder sorgt sich um die noch kommende Zeit. Dieses Gefühl, dass das „Spiel“ womöglich bald zu Ende sein kann, kann auch auch hilfreich wirken.

Die Endlichkeit des eigenen Lebens ist ein kraftvoller Katalysator, um Prioritäten zu klären. Was ist am Ende wirklich wichtig? Alte Konflikte, das Streben nach materiellem Besitz oder gesellschaftlicher Anerkennung verlieren an Bedeutung. Die Energie kann bewusst auf das gelenkt werden, was dem Leben Sinn und Tiefe verleiht: Beziehungen, Momente der Freude, die Weitergabe von Werten.

Was am Ende bleibt, ist selten einen perfekte Bilanz, sondern die Erkenntnis, dass Fehler Lektionen sind und dass der Umgang mit sich und seinem Leben, sowie die Liebe der Menschen um dich herum das Einzige ist, was wirklich zählt. Diese Phase des Lebens als Gelegenheit und Chance zu entdecken, wie wir damit umgehen, wirkt stärkend“. Das ist keine bloße Information, das ist Weisheit – die Fähigkeit, das Leben in einem größeren Zusammenhang zu sehen und das wirklich Wichtige zu vermitteln. (Lesen Sie dazu "5 Dinge - "ich wünschte, ich hätte")

Weisheit: von unbegrenzter Zukunft zur Wesentlichkeit

Diese Beispiele zeigen: Die Unvollkommenheiten des Alters sind keine Endstation. Sie sind Einladungen des Lebens, nach innen zu wachsen und Qualitäten zu entfalten, für die in der Hektik der früheren Jahre oft kein Raum war. Es ist die Kunst, im Unvollkommenen nicht das Ende, sondern den Beginn der wahren Meisterschaft zu erkennen.

Fazit – „das Lob an die Unvollkommenheit“

Bucheinblicke

"Die Vorzüge des Alters" von Rita Levi-Montalcini

Gartengespräche - ein Lob auf die Unvollkommenheit
Dialog: Ein Lob auf die Unvollkommenheit

(Die Szene: Ein sonniger Nachmittag in Karls kleinem Schrebergarten. Zwei bequeme Stühle stehen unter einem alten Apfelbaum und auf dem Gartentisch der erste Saft von den selbst gepressten Frühäpfeln. Walter seufzt tief, als er sich mühsam in seinen Stuhl sinken lässt.)

Walter (69): Ein ehemaliger Bauingenieur, praktisch veranlagt, stolz auf seine Tatkraft. Beginnt, die körperlichen Grenzen des Alters schmerzlich zu spüren.

Karl (69): Ein früherer Lehrer, nachdenklicher und philosophischer. Er teilt Walters Sorgen, sucht aber instinktiv nach tieferem Sinn.

Karl: Langsam, langsam, mein Freund. Der Stuhl rennt ja nicht weg.

Walter: (reibt sich den unteren Rücken) Das sagst du so, Karl. Aber mir rennt in der letzten Zeit alles Mögliche weg. Die Kraft, die Beweglichkeit, die Geduld und was sonst noch alles. Vor allem die Geduld mit mir und dem, was ich Körper nenne. Weißt du noch, wie wir deine Hütte am See renoviert haben? Dach decken, Wände einreißen … heute brauche ich eine Viertelstunde, um die Glühbirne in der Küche zu wechseln, und dann fühle ich mich, als hätte ich einen Berg bestiegen. Es ist zum Verrücktwerden.

Karl: Ja, ich weiß, was du meinst. Mir geht’s genauso, bei mir sind‘s halt die Knie. Und mein Gedächtnis! Gestern war ich im Keller und hatte vergessen, was ich holen wollte. Ich bin erst nach fünf Minuten wieder draufgekommen. Man fühlt sich, als ob .... man nichts mehr wert ist.

Walter: Leider ....., so ist es. Ich wollte am Wochenende das Rosenbeet umgraben. Etwas auf das ich mich wirklich gefreut habe. Nach einer halben Stunde war Schluss, wegen meinem Kreuz. Meine Frau hat gesagt: „Walter, lass es doch, muss ja nicht mehr sein.“ Ich weiß, dass Sie‘s gut meint, aber es fühlt sich an, wie ein Urteil. Ich bin nur noch der, der die Dinge nicht mehr kann und ständig aufpassen muss. Was ist das denn noch für ein Leben Karl?

Karl: (schweigt einen Moment) Manchmal fühle ich mich auch so. Wie in einem Film. Wir haben unsere Abenteuer bestanden, ... und jetzt sitzen wir im Schaukelstuhl und warten ob da noch was kommt.

Walter: Es ist die Wut, die mich am meisten fertig macht. Diese Wut auf mich, dass ich nicht mehr so kann, wie ich will. Ich war immer ein Anpacker. Und was bin ich jetzt?

Karl: Das ist jetzt echt unheimlich, Walter. Was du gerade sagst … diese Wut, sich unbrauchbar oder unnütz zu fühlen … das erinnert mich an was. Ich habe vorige Woche im Fernsehen eine Doku gesehen ... zufällig, bin drüber gestolpert. Es ging ums Altern, aber … anders.

Walter: (skeptisch) Ach, komm. Bestimmt wieder so ein „Für immer jung“-Quatsch mit Yoga-Gurus und Smoothie-Rezepten.

Karl: Nein, nein, war es nicht, überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Es ging um eine alte Wissenschaftlerin, eine Italienerin …

Walter: (unterbricht ihn) Warte mal. Diese Nobelpreisträgerin? Rita … Levi-Montalcini? Lief das im dritten Kanal, aber erst spät, so gegen Mitternacht?

Karl: (lächelt überrascht) Ja! Genau die. Hast du‘s auch gesehen? Das ist ja ein Ding!

Walter: Ich konnte wieder mal nicht schlafen, wegen dem Rücken. Hab mich durch die Kanäle gezappt und bin da hängen geblieben. Dachte zuerst, das ist mir zu wissenschaftlich, aber dann … dann hat die alte Dame angefangen zu reden. Mit über hundert Jahren! Und was die gesagt hat …

Karl: … hat einen nicht mehr losgelassen. Eben. Sie hat diesen einen Satz gesagt, der mir die ganze Nacht im Kopf herumging. Sie meinte, die größte Chance des Alters liegt genau in der Unvollkommenheit, und dass uns unsere Schwächen und Grenzen dazu zwingen, neue und andere Stärken zu entdecken.

Walter: Genau! Ich dachte erst, das ist doch nur ein schöner Spruch. Aber dann haben sie diese Beispiele gezeigt. Diese Frau, die früher riesige Gärten angelegt hat, so wie ich. Und als sie es körperlich nicht mehr konnte, war sie zuerst auch wütend und verzweifelt.

Karl: Und (stimmt Karl zu) was hat sie gemacht? Sie hat aufgehört zu kämpfen. Sie hat den Schauplatz gewechselt und ihren Balkon in ein Paradies aus Kübelpflanzen verwandelt. Sie sagte, sie hätte erst jetzt die Freude am Detail entdeckt. Die Pflege einer einzelnen Blüte statt dem Kampf mit einer Menge von Erde. Sie wirkte so … im Reinen mit sich. So gelassen.

Walter: (seufzt) ja, die Gelassenheit … Die Frau in der Doku sagte, man gewinnt sie erst, wenn man aufhört, zu kämpfen und gegen Mauern zu rennen, und stattdessen die Tür sucht. Ich renne die ganze Zeit gegen die Mauer meines Rückens, und die Mauer gibt nicht nach, nur mein Kopf wird blutiger. Vielleicht ist das der Punkt. Nicht mehr das zu wollen, was nicht mehr geht, sondern anders zu denken und zu kapieren, wie’s anders geht.

Karl: Genau, das ist die eine Sache, aber was mich persönlich so berührt hat, war das mit der Empathie. Erinnerst du dich vielleicht noch an diese Managerin?

Walter: Ja, die Managerin, die verstand, dass es um etwas anderes geht, als um Leistung.

Karl: Genau. Die Managerin, die ihr Leben lang auf Karriere und Leistung aus war, und auf einmal im Ruhestand erkennt, dass ihre größten Erfolge nicht die Vertragsabschlüsse waren, sondern die Momente, in denen sie junge Talente gefördert hat. Und als ihre Enkelin ganz verzweifelt ist, weil sie auf der Uni eine wichtige Prüfung nicht bestanden hat, sagt sie: „Ich habe in meinem Leben viele Ziele erreicht aber noch mehr verfehlt. Was am Ende bleibt, ist nicht die perfekte Bilanz, sondern die Erkenntnis, dass Fehler Lektion sind, und dass die Liebe der Menschen um dich herum das Einzige ist, was wirklich zählt. Diese Prüfung macht nichts, denn das wird dich nur stärken.“ Das hat mich wirklich berührt. Für mich war auf einmal klar, vielleicht geht es darum das Leben mal in einem größeren Zusammenhang zu sehen und das was wirklich wichtig ist.

Walter: (nickt) ja, ich versteh, was du meinst. Es ist wie … als ob man eine neue Sicht oder neuen Sinn entwickelt.

Karl: Exakt. Und das führt zum dritten Punkt, den die Wissenschaftlerin Weisheit nannte. Das war der stärkste Moment für mich. Sie sagte, die Endlichkeit des Lebens ist kein Fluch, sondern ein Filter. Ein Filter, der all den unwichtigen Kram bei Seite schiebt, über den wir uns jahrzehntelang aufgeregt haben.

Walter: (schmunzelt) Davon hatte ich eine Menge. Verpasste Beförderungen, der Streit mit dem Nachbarn über den Gartenzaun, das Auto mit der Beule …

Karl: Ich denke, wir alle kennen das. Aber wenn du weißt, dass die Zeit knapp wird, fragst du dich: Ist es das wert? Muss ich mich schon wieder über diese Politik aufregen, dass ich nicht schlafen kann? Oder setze ich mich lieber in den Garten und höre den Bienen zu? In der Doku sagten sie, Weisheit ist nicht, alles zu wissen. Weisheit ist, zu wissen, was zählt.

Walter: (ist still geworden) Mmh, Ob du’s glaubst oder nicht, vorgestern hat meine Enkelin völlig aufgelöst angerufen, weil sie auch ein Prüfung verschossen hat. Und wie gewohnt, wollte ich zuerst sagen, „reiß dich zusammen“, aber eben genau in dem Moment viel mir diese alte Dame ein. Und ich hab einfach nur zugehört. Am Ende hab ich dann gesagt: „Anna, in dreißig Jahren wirst du dich wahrscheinlich nicht mehr an diese Prüfung erinnern. Aber du wirst dich erinnern, ob du Menschen um dich hattest, die dich lieben, egal was passiert. Und das hast du!“ Es war still am anderen Ende, und dann hat sie nur noch geflüstert: „Danke, Opa.“

Karl: (lächelt) Siehst du? Wow ... Walter, das war’s! Das war nicht der Ingenieur. Das war der Weise. Du hast keine Lösung geliefert, du hast ihr Perspektive gegeben.

Walter: Weißt du was, Karl? Unsere Beschwerderunde am Anfang … sie kommt mir jetzt richtig sinnlos vor. Reine Zeitverschwendung. Wir haben uns im Kreis gedreht und im Sumpf unserer Defizite gebadet.

Karl: Vielleicht braucht man das ja, um zu erkennen, dass es auch einen anderen Weg gibt. Es geht eben nicht darum, das Altern schlecht zu reden. Es geht eher darum, das Drehbuch zu ändern. Wir sind nicht im Abspann. Vielleicht im letzten Akt ... ok ... aber genau dieser hat möglicherweise mehr zu bieten, als wir glauben oder wie es allgemein gedacht wird.

Walter: Ich weiß ja nicht, ob du die Doku bis zu Ende geschaut hast, aber zum Schluss haben sie betont, dass all die Erkenntnisse, die diese Italienerin hatte, zu Gänze von der aktuellen Wissenschaft bestätigt werden.

Karl: Hab ich ja, aber wenn ich ehrlich bin, hätte ich es wieder vergessen, wenn wir beide heute nicht auf dieses Thema gekommen wären. Wart mal, wie hieß ihr Buch? ... ah, ich weiß schon „ein Lob auf die Unvollkommenheit“. (beide lachen kurz)

Walter: Komm, darauf stoßen wir an, „auf die Unvollkommenheit“.(beide lachen wieder)

Karl: Und darauf, was wir dabei noch entdecken können.

ein Dialog über die Erkenntnisse von Levi-Montalcini

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