Wie Gefühle entstehen

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Die Neurowissenschaftlerin und Psychologin Dr. Lisa Feldman Barrett stellt die klassische Sichtweise in ihrem bahnbrechenden Buch „Wie Gefühle gemacht werden“ komplett auf den Kopf. Sie kommt nach jahrelanger Forschung zu einer faszinierenden Erkenntnis: Gefühle werden nicht von außen ausgelöst, sondern von unserem Gehirn in jedem einzelnen Moment aktiv erschaffen oder „konstruiert“.

in Kürze - worum geht's

Hast du dich schon einmal gefragt, warum du in einer bestimmten Situation vielleicht wütend oder traurig wirst, während eine andere Person völlig gelassen reagiert? Oder warum ein und dasselbe Ereignis jemand zu Tränen rührt, aber andere kaltlässt? Lange Zeit ging die Wissenschaft davon aus, dass Gefühle wie Freude, Angst oder Wut universell und angeboren sind – quasi fest verdrahtete Programme in unserem Gehirn, die durch bestimmte Auslöser einfach abgespielt werden.

Die renommierte Neurowissenschaftlerin und Psychologin Dr. Lisa Feldman Barrett stellt diese klassische Sichtweise in ihrem bahnbrechenden Buch „Wie Gefühle gemacht werden“ komplett auf den Kopf. Nach jahrzehntelanger Forschung kommt sie zu einer faszinierenden Erkenntnis: Gefühle werden nicht von außen ausgelöst, sondern von unserem Gehirn in jedem einzelnen Moment aktiv erschaffen oder „konstruiert“. Diese Entdeckung verändert nicht nur unser Verständnis von Emotionen, sondern gibt uns auch völlig neue Möglichkeiten, unser eigenes Gefühlsleben zu gestalten.

"Das geheime Leben des Gehirns"

Wie Geühle wirklich entstehen

Die alte Vorstellung - ein Blick zurück

Um die Tragweite von Barretts Arbeit zu verstehen, müssen wir uns kurz die alte Theorie ansehen. Demnach sollte zum Beispiel Angst bei jedem Menschen auf der Welt die gleiche körperliche Reaktion auslösen: ein bestimmtes Muster im Gehirn, ein Gesichtsausdruck usw. Die Wissenschaft hat jahrzehntelang nach diesen eindeutigen, biologischen Mustern für Emotionen gesucht – und sie nie gefunden. Es gibt kein „Wut-Zentrum“ oder einen „Freude-Schaltkreis“ im Gehirn. Die Realität, so zeigt Barrett, ist viel spannender und persönlicher.

Die neue Wissenschaft - dein Gehirn konstruiert Gefühle

Lisa Feldman Barretts Erklärung, die „Theorie der konstruierten Emotionen“, beruht auf drei zentralen Säulen, die zusammen ein völlig neues Bild ergeben.

Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine, keine Reaktionsmaschine.

Stell dir dein Gehirn nicht wie eine Kamera vor, die passiv aufzeichnet, was in der Welt passiert. Stell es dir eher wie einen unermüdlich Akteur vor, der ständig Hypothesen aufstellt. Basierend auf all deinen bisherigen Lebenserfahrungen, deinem Wissen und der aktuellen Situation trifft dein Gehirn permanent Vorhersagen darüber, was als Nächstes passieren wird und welche Bedeutung es hat. Es fragt sich ununterbrochen: „Kenne ich diese Situation? Was ist letztes Mal passiert? Was sollte ich jetzt tun, um mich vorzubereiten?“ Diese Vorhersagen laufen blitzschnell und meist unbewusst ab. Sie sind der Grund, warum du nicht über jeden einzelnen Schritt nachdenken musst, wenn du eine Treppe hinuntergehst.

Der Körper liefert die Rohdaten:

Interozeption (innere Körperwahrnehmung) und das „Body Budget“. Während dein Gehirn Vorhersagen trifft, empfängt es gleichzeitig unablässig Signale aus deinem Körper. Diesen Prozess nennt die Wissenschaft Interozeption (innere Wahrnehmung). Dein Gehirn spürt, wie schnell dein Herz schlägt, wie deine Atmung geht, ob dein Magen knurrt oder deine Muskeln angespannt sind. Lisa Feldman Barrett nutzt hierfür ein Bild: das „Body Budget“.

Stell dir körperliches Wohlbefinden wie ein Bankkonto vor. Gesunder Schlaf, gutes Essen, Bewegung oder ein nettes Gespräch sind Einzahlungen. Stress, Schlafmangel oder Streit sind Behebungen. Deine Interozeption ist quasi ein ununterbrochener Kontoauszug, den dein Gehirn liest. Es registriert nur einfache Zustände wie „angenehm“ (plus) oder „unangenehm“ (minus). Diese simplen körperlichen Empfindungen nennt Barrett Affekte. Ein Affekt ist noch keine Emotion, es ist ein diffuser Zustand, also ein flauer Magen – es könnte Hunger, Aufregung oder Angst bedeuten.

Das Gehirn gibt dem Zustand einen Namen:

Hier kommt der entscheidende Schritt: Dein Gehirn nimmt die rohen Affekte aus deinem Körper (z. B. „unangenehm und stark erregt“) und gleicht sie mit deinen bisher gelernten Erfahrungen, die du im Laufe des Lebens gemacht hast, ab. Daraus entwickelt das Gehirn eine Vorhersage.

Wenn also dein Herz rast, deine Handflächen schwitzen und dein Magen sich zusammenzieht (Affekt), während du auf deinen Bus einmal länger warten musst (Situation) dann greift dein Gehirn vielleicht auf das Erfahrung „zu spät kommen“ zurück, das es einmal gelernt hat. Es konstruiert in diesem Moment das Gefühl „Angst“ oder „Nervosität“, während neben dir andere Personen völlig gelassen bleiben.

Gefühl sind also das Ergebnis eines Konstruktionsprozesses des Gehirns, wie eine Formel: Körperliche Signale (Affekt) + Situation (Kontext) + Gelerntes Konzept = Emotion. Das bedeutet, dass Gefühlenicht universell sind, sondern persönlich und individuell geprägt.

Was bedeutet das für den Alltag?

Diese neue Sichtweise ist unglaublich ermächtigend. Wenn Gefühle gemacht werden, bist du nicht länger nur ein passiver Empfänger, sondern ebenso und zugleich der Entwickler oder Steuermann deines Gefühlslebens. Hier sind einige Werkzeuge, die sich daraus ergeben:

  • Verwalte dein Body Budget: Achte auf ausreichend Schlaf, gute Ernährung und Bewegung. Ein ausgeglichenes Body Budget ist die Grundlage für angenehme Affekte und macht es dem Gehirn leichter, positive Emotionen zu konstruieren.

  • Erweitere deine emotionale Intelligenz: Lerne, deine Gefühle feiner zu unterscheiden. Statt nur „schlecht“ zu fühlen, frage dich: Bin ich enttäuscht, frustriert, besorgt oder müde? Je präzisere Konzepte du für deine Gefühle hast, desto besser kann dein Gehirn die passenden Reaktionen finden. Das ist wie bei einem Weinkenner, der hunderte Nuancen schmeckt, während ein Laie nur „rot“ oder „weiß“ unterscheidet.

  • Übe das „Um-Konzeptualisieren“: Wenn du das nächste Mal ein unangenehmes Gefühl wie Angst vor einem Gespräch spürst, versuche bewusst, es umzudeuten. Sage dir: „Mein Herz schlägt schneller. Das ist keine Angst, das ist Energie. Mein Körper bereitet sich darauf vor, eine wichtige Aufgabe zu meistern.“ Du gibst deinem Gehirn damit ein neues Konzept an die Hand, um die körperlichen Signale zu interpretieren.

  • Bewegung als schnelle Hilfe: Manchmal ist der einfachste Weg, einen negativen Affekt zu ändern, den Körper zu bewegen. Ein kurzer Spaziergang kann dein Body Budget wieder auffüllen und die körperlichen Signale verändern, die dein Gehirn empfängt.

Lisa Feldman Barretts Forschung ist ein Weckruf. Sie zeigt uns, dass wir einen viel größeren Einfluss auf unsere Gefühle und Erleben haben, als wir dachten. Wir sind die Schöpfer unserer Gefühle – eine Erkenntnis, die uns die Freiheit gibt, unser inneres Erleben bewusster und positiver zu gestalten.

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