Grübeln im Alter: Wie Sie mit der „Gehirn-Wippe“ ihre Sorgen stoppen
MENTALE GESUNDHEIT
Sie kennen es wahrscheinlich. Sie sitzen gemütlich im Sessel, möchten sich eigentlich entspannen, aber plötzlich kommen die Gedanken und kreisen in Kopf herum. Sorgen über die Zukunft, Grübeln über die Vergangenheit, vielleicht Zweifel oder sogar Ängste, im Alter vergesslich zu werden, lassen den Geist einfach nicht zur Ruhe kommen.
Die Entdeckung der „Gedanken-Wippe“


Die moderne Hirnforschung zeigt: Unser Gehirn besitzt zwei gegensätzliche Denk-Netzwerke. Das Grübel-Netzwerk (DMN) und das Aktiv-Netzwerk (TPN). Sobald Sie das Aktiv-Netzwerk durch kleine, bewusste Handlungen im Alltag (wie Gärtnern, Rätseln oder bewussten Genuss) einschalten, wird das Sorgen-Netzwerk automatisch heruntergefahren und gestoppt.
Wie kommt man aus der Grübelfalle, besonders im Alter?
Lange Zeit dachte die Wissenschaft, dass das Gehirn im Ruhezustand einfach abschaltet. Doch zwei US-amerikanische Hirnforscher, Dr. Marcus Raichle und Dr. Michael D. Fox, machten eine faszinierende Entdeckung: Unser Gehirn besitzt zwei völlig gegensätzliche Netzwerke, die wie eine Wippe im Kopf funktionieren. Wenn das eine aktiv ist, macht das andere Pause
Das „Grübel-Netzwerk“ (DMN)
Dr. Marcus Raichle entdeckte das sogenannte Default Mode Network (DMN), auf Deutsch oft „Ruhezustandsnetzwerk“ genannt. Es schaltet sich immer dann automatisch ein, wenn wir äußerlich nichts tun, tagträumen oder einfach nur dasitzen.
Das Problem dabei: Genau in diesem Zustand neigt unser Gehirn dazu, in die „Sorgen- und Grübelfalle“ zu tappen. Es beschäftigt sich mit uns selbst, wälzt Probleme und erzeugt Ängste. Wenn dieses Netzwerk dauerhaft zu aktiv ist, fühlen wir uns gestresst, unruhig und blockiert. Auch bei älteren Menschen, die unter starker Vergesslichkeit oder Demenzsorgen leiden, läuft dieses Netzwerk oft unbemerkt auf Hochtouren.
Das positive „Aktiv-Netzwerk“ (TPN)
Hier kommt die Entdeckung von Dr. Michael D. Fox ins Spiel. Er fand heraus, dass es einen perfekten Gegenspieler gibt: das Task-Positive Network (TPN) oder einfach das „Aktiv-Netzwerk“.
Dieses Netzwerk wird sofort aktiv, wenn wir uns auf eine konkrete, äußere Aufgabe konzentrieren. Das Wunderbare daran ist der Wippen-Effekt: Sobald das Aktiv-Netzwerk (TPN) anspringt, wird das Grübel-Netzwerk (DMN) automatisch heruntergefahren. Wenn Sie sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren, hat das Gehirn schlichtweg keine Kapazität mehr für Sorgen.
Wie wir dem Grübeln entkommen
Das Beste an dieser Entdeckung ist: Sie müssen kein Gedächtnistraining-Experte sein, um diese Wippe in Ihrem Kopf zu bedienen. Ihr Gehirn verlernt diese Fähigkeit nie – ganz im Gegenteil und ganz egal, wie alt Sie sind. Es braucht dafür weder Vorkenntnisse, noch müssen Sie sich anstrengen. Es ist eine vertraute und leichte Übunge für unser Gehirn, vom Grübeln ins Tun umzuschalten, die es schon in der Kindheit nützte. Sie erinnern sich bestimmt.
Jedes Mal, wenn Sie sich ganz bewusst einer Sache widmen, die Ihnen Freude macht oder ihr Interesse weckt, sagen Sie Ihrem Kopf: „Ich übernehme jetzt das Steuer.“ Sie sind Ihren Gedanken nicht ausgeliefert, sondern können diesen Schalter wieder aktivieren und jeden Tag aufs Neue umlegen. Es hängt von Ihnen ab, welchen Gedanken Sie folgen möchten. Vertrauen Sie darauf: Ihr Gehirn wartet nur darauf, dass Sie ihm dieses Signal geben, um das Sorgen-Netzwerk leiser zu drehen oder ganz abzuschalten und in eine Pause zu schicken. Es ist wirklich einfach, und Sie schaffen mit Sicherheit, wenn Sie es tun.
Die gute Nachricht: Sie haben‘s in der Hand
Sie sind den kreisenden Gedanken nicht hilflos ausgeliefert. Sie können die „Wippe“ in Ihrem Kopf ganz bewusst steuern. Sobald Sie merken, dass die Sorgen überhandnehmen oder Sie sich in einer Gedankenschleife verlieren, aktivieren Sie Ihr TPN mit einfachen Schritten:
Werden Sie mit den Händen aktiv: Stricken, Gärtnern, Handwerken, Malen oder das Lösen eines Kreuzworträtsels zwingen das Gehirn, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren.
Nutzen Sie Ihre Sinne intensiv: Trinken Sie ein Glas kaltes Wasser und spüren Sie bewusst den Schluck. Riechen Sie an einer Blume oder lauschen Sie ganz gezielt den Vögeln im Garten. Das holt Sie sofort aus dem Kopf zurück in den Körper.
Bewegung bringt Ruhe: Ein Spaziergang, bei dem Sie ganz bewusst jeden Schritt auf dem Boden spüren, oder leichte Gymnastik schalten das Grübel-Netzwerk sofort ab.
Sprechen Sie mit Bekannten oder Freudnen: Ein Telefonat oder ein Gespräch mit den Nachbarn lenkt die Aufmerksamkeit nach außen und stoppt den inneren Monolog.
Der Ausweg aus der Grübelfalle: So nützen Sie die Erkenntnis im Alltag
Ein ganz besonderer, leichter und wunderbarer Schlüssel, um das Sorgen-Netzwerk (DMN) verstummen zu lassen oder abzudrehen, ist der bewusste Genuss. Wenn wir eine Tasse Kaffee trinken, ein Stück Schokolade in den Mund nehmen oder ein schönes Musikstück hören, tun wir das oft nur nebenbei, während die Gedanken weiterkreisen. Wenn Sie sich aber einer Sache mit Ihrer vollen Aufmerksamkeit widmen – den Duft riechen, den Geschmack auf der Zunge spüren und zergehen lassen oder den Klängen lauschen –, aktivieren Sie Ihr „Mitmach-Netzwerk“ (TPN) auf die schönste Art und Weise. Genuss ist kein Luxus und auch keine Zeitverschwendung, sondern im wahrsten Sinne des Wortes, pure Medizin für die Seele.
Der Liedermacher Konstantin Wecker hat es einmal treffend auf den Punkt gebracht: „Wer nicht genießt, wird ungenießbar.“ (lesen Sie dazu diesen Artikel) Machen Sie sich also selbst das Geschenk, täglich (immer mehr) kleine Momente ganz bewusst und ohne schlechtes Gewissen zu genießen – Ihr Gehirn wird es Ihnen mit Ruhe und Gelassenheit danken.
Fazit: Die moderne Hirnforschung zeigt, dass wir unser Gehirn selbst im hohen Alter positiv beeinflussen können. Machen Sie sich keine Sorgen, wenn die Gedanken einmal wandern – das ist völlig normal. Aber nutzen Sie das Wissen von Marcus Raichle und Michael Fox: Werden Sie im Alltag aktiv, lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf eine konkrete Beschäftigung, und schenken Sie Ihrem Kopf damit eine wohlverdiente Pause von den Sorgen
Der einfachste und schönste Weg - Genuss
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