Wer nicht genießt, wird ungenießbar: Genuss als Medizin

LEBENSFREUDE

Konstantin Wecker brachte es einst provokant auf den Punkt: „Wer nicht genießt, wird ungenießbar." Was zunächst fast wie ein Vorwurf klingt, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine kluge Erkenntnis, die nicht nur von der Hirnforschung sondern vor allem von der noch jungen Wissenschaft der Psychoneuroimmunologie, bestätigt wird. Wer sich erlaubt zu genießen, tut nicht nur seiner Seele etwas Gutes, sondern nachweislich auch seinem Immunsystem.

Auf-Wecker „Was Genuss mit Ihnen und Ihrer Gesundheit macht“

Hören statt Lesen - Wer nicht genießt, wird ungenießbar

Warum ist Genuss gesund?

Genuss aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn, fördert das Erleben im Moment, senkt Stress samt negativen Hormonen, entkommt der Grübelfalle und stärkt nachweislich das Immunsystem – er wirkt wie Medizin für Körper und Seele.

Genuss hat mit Zeitverschwendung so viel zu tun wie ein gutes Buch, ein besonderer Film oder Moment mit einem geliebten Menschen – nämlich gar nichts. Genuss belebt oder schärft Genuss unsere Wahrnehmung für den Augenblick. Wer sich diese Erfahrung versagt, nicht erlaubt oder erlauben darf, wird über kurz oder lang - wie es Wecker treffend sagt - tatsächlich ungenießbar und zwar nicht nur für sich selbst, sondern auch für sein Umfeld.

Schon im Alltag zeigt sich, wie viel Genuss wir uns entgehen lassen. Ein „Coffee to go“ , ein hastiger Happen nebenbei oder zwischendurch, das kennt fast jeder. Achtsames Essen, also das bewusste Wahrnehmen von Geschmack, Geruch und Textur, verbessert nachweislich auch die Verdauung und das Sättigungsgefühl.

Allein Vorfreude toppt den schnellen Konsum: Was im Gehirn beim Genießen passiert

Was im Gehirn passiert, wenn wir genießen, ist fast so spannend wie ein guter Krimi. Ob Schokolade oder ein Glas Wein, unser Belohnungssystem wird aktiv und schüttet Dopamin aus, ein Botenstoff für Freude. Der Hirnforscher Prof. Dr. Gerhard Roth erklärt, dass dies vor allem im limbischen System geschieht, dem Gefühlszentrum unseres Gehirns. Genuss ist also keine Kopfsache, sondern eine Herzenssache. Interessant dabei: Meist belohnt uns die Vorfreude mehr als der Konsum selbst – wer sich also auf sein Essen freut, aktiviert bewusst sein Belohnungssystem schon im Vorfeld.

Aber es kommt noch besser – wenn wir wirklich genießen

Wie es der Zufall wollte untersuchte um das Jahr 2001 der US-Neurowissenschaftler Marcus Raichle wie das Gehirn gezielt auf Aufgaben reagiert. Zur Kontrolle ließ er die Probanden auch nur stillliegen und nichts tun. Zu seiner Überraschung war das Gehirn beim Nichtstun ebenso aktiv und verbrauchte sogar im "Ruhezustand" massiv Energie. Diese Entdeckung taufte er Default Mode Network (DMN), also Ruhezustandsnetzwerk. Es ist für den inneren Monolog und die Selbstreflexion zuständig und wandert bei Belastungen in die typische Negativ-Schleife. Wenn wir gestresst sind, den „Kopf zerbrechen“, Sorgen machen oder unbewusst grübeln, läuft im Gehirn dieses Default Mode Network (DMN) (Ruhezustands- oder Grübelnetzwerk) auf Hochtouren. Wir driften in die Vergangenheit (Reue) oder Zukunft (Angst) ab.

Aber Raichles Grundlagenforschung legte den Grundstein für eine weitere, verblüffendere Entdeckung. Der Wissenschaftler Michael D. Fox und sein Team stellten fest, dass das menschliche Gehirn von Natur aus zwei Netzwerke hat. Das „Grübelnetzwerk“ (Default Mode Network) hat einen Gegenspieler, der dann aktiv wird, wenn eine Aktivität etwas Schönes oder einen echten Genuss verspricht. Fox und sein Team nannten es das Task-Positive Network (TPN).

„Genuss verbannt Sorgen“ - das Task-Positiv-Netzwerk (TPN)

Wenn eine Aktivität echten Genuss oder eine Belohnung verspricht, schüttet dieses System Dopamin aus. Dopamin wirkt wie ein Treibstoff. Es signalisiert dem Gehirn: "Das hier ist wichtig und tut gut." Das Task-Positive-Netzwerk unterdrückt das Grübelnetzwerk (DMN), sodass Sie nicht an etwas anderes denken können, sondern den Moment auskosten und genießen. Die wichtigste Erkenntnis von Fox und Kollegen war, dass diese beiden Netzwerke wie eine Wippe funktionieren, sprich ist das eine aktiv (oben), ist das andere inaktiv (unten). Dopamin flutet den präfrontalen Kortex – die Zentrale des TPN, Wenn Sie den Tag genießen, belohnt Ihr Gehirn Sie mit der richtigen Dosis Dopamin,

Mit anderen Worten: Schlingen wir ein Essen unbewusst herunter, während wir am Handy scrollen, schüttet das Gehirn kaum Belohnungshormone aus; wir bleiben unbefriedigt und wollen „mehr“. Durch den Genuss verlangsamen wir den Moment. Wir docken an das körpereigene Opioidsystem an (zuständig für das Gefühl von Zufriedenheit). Das Gehirn erreicht eine optimale Sättigung bei einer geringen Menge. Die Wissenschaft nennt diesen Vorgang „Savoring“ oder noch besser, den „Sweet Spot“.

Genuss ist kein Luxus, auch keine Zeitverschwendung

La Dolce Vita: Freude, Freundlichkeit und Gelassenheit als die primären Quellen von Genuss

Genuss ist weit mehr als Essen und Trinken, er ist vor allem eine innere Haltung, ein „Dolce Vita" aus Freude, Freundlichkeit und Gelassenheit. Die Forscherin Barbara Fredrickson zeigte, dass gute Gefühle unseren Horizont erweitern und uns helfen, neue Kraftreserven aufzubauen. Freundlichkeit ist dabei ein unterschätzter Helfer: Wer gibt, aktiviert im eigenen Gehirn dieselben Belohnungszentren wie der Beschenkte, das sogenannte Helfer-Hoch. Und Gelassenheit, die Kunst, den Stürmen des Lebens mit Ruhe zu begegnen, beruhigt nachweislich unser inneres Angstzentrum und stärkt jenen Teil des Gehirns, der für einen kühlen Kopf sorgt.

Geteilte Freude ist doppelte Freude: Verbundenheit als Genussquelle

Auch Verbundenheit kann eine Genussquelle sein. Die Entdeckung der Spiegelneuronen durch Giacomo Rizzolatti erklärt, warum geteilte Freude tatsächlich doppelte Freude ist – unser Gehirn fühlt buchstäblich mit. Genauso wichtig ist der freundliche Umgang mit sich selbst: Die Psychologin Kristin Neff nennt es Selbst-Empathie – sich mit derselben Nachsicht zu begegnen, die man einem guten Freund entgegenbringt. Das senkt nachweislich Stress und schützt sogar vor Depressionen.

Was Genuss mit dem Immunsystem macht

Die Kraft der Psychoneuroimmunologie

Damit sind wir mitten in der Psychoneuroimmunologie, einem Forschungsfeld, das den Zusammenhang zwischen Psyche, Nervensystem und Immunsystem untersucht. Die Pioniere Robert Ader und Nicholas Cohen zeigten, dass unser Gemütszustand direkten Einfluss auf unsere Abwehrkräfte hat. Stress und Einsamkeit schwächen das Immunsystem, Freude und Genuss stärken es. Wer genießt, schafft im Körper ein Klima, in dem die Abwehrkräfte optimal arbeiten können – Genuss ist somit Balsam für Seele und Immunsystem zugleich.

Selbst Bewegung darf genussvoll sein, statt eine Pflicht. Die von Dr. Julie Henderson entwickelte Methode Zapchen zeigt mit spielerisch-einfachen Übungen, wie sanftes Dehnen und Strecken Stress abbaut und die Körperwahrnehmung vertieft, ganz ohne Leistungsdruck. Genuss ist erlernbar, in jedem Alter. Es braucht keine große Reise und kein teures Hobby, oft reichen ganz einfache Dinge, der Duft von frischem Kaffee, die Wärme der Sonne oder ein freundliches Lächeln.

Eine Debatte - über Genuss und das Leben

Die neue Kaffeerösterei, die einiges verändert

Wie leicht das im echten Leben gelingen kann, zeigt ein kleines Gespräch zwischen zwei alten Freunden auf einer Parkbank. Karl grantelt über die laute Jugend und die nächste Heizkostenabrechnung, überzeugt, dass jeder schöne Moment früher oder später seinen Preis fordert. Walter dagegen sitzt einfach nur da, Augen geschlossen, und lässt sich die Herbstsonne aufs Gesicht scheinen.

Zwischen den beiden entspinnt sich eine Debatte über Sorgenfalten, verpasste Chancen und die Frage, ob man einen Kaffee einfach nur trinkt – oder ob man ihn wirklich schmeckt. Am Ende steht ein überraschend rührender Vorschlag von Walter, der Karl (und vielleicht auch Sie) zum Nachdenken bringt. Hören oder lesen Sie selbst, wie aus einem grantigen Vormittag auf der Parkbank ein Ausflug zur neuen Kaffeerösterei wird, und wie ein einziger bewusst genossener Schluck Kaffee mehr verändern kann, als man denkt.

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