Ein Telefonat über 90-Sekunden-Methode
GESCHICHTEN & DIALOGE


Ein Telefonat über die 90 Sekunden Regel


"der nervige Nachbar"
Kurzfassung des Dialogs - ein Telefonat über die 90 Sekunden Regel
Helga erzählt ihrer Freundin Renate am Telefon von ihrem Nachbarn Maier, der am Sonntag um sieben Uhr früh den Laubbläser anwirft. Die Wut kommt sofort und körperlich: Hitze im Gesicht und rasender Gedanke ("Der macht das mit Absicht!").
Sie erinnert sich an die 90-Sekunden-Regel von Jill Bolte Taylor, schließt die Augen, atmet ein paar Mal tief durch — und beobachtet einfach nur, was in ihr und ihrem Kopf passiert: Und genau das, verändert es. Beim Beobachten wird das Geschnatter leiser, "als ob ich sie dabei erwischt hätte". Die Schultern entspannen und Helga beschreibt den Moment als einen Moment der Wahl: links der Weg des Ärgers, rechts ein neuer, ruhiger. Nach den 90 Sekunden ist die Wut weg.
Den Laubbläser hört sie noch, aber er trifft nicht mehr. Sie findet es sogar lachhaft ("vielleicht ist er meschugge") und winkt Maier später noch zu. Dabei erkennt sie das Entscheidende: Sie hatte die Wahl, wie es ihr geht — unabhängig davon, was der Maier oder andere tun.
erwähnte Wissenschaftler:innen im Artikel
Zusammen ergeben die wissenschaftlichen Erkenntnisse (im Artikel) ein erklärendes Bild mehrere wissenschaftlicher Erkenntnisse
Dr. Jill Bolte Taylor: Die 90-Sekunden-Regel; die Unterscheidung zwischen der urteilenden linken und der beobachtenden rechten Gehirnhälfte
Dr. Joseph E. LeDoux: Zeigte, wie die Amygdala blitzschnell auf Bedrohungsreize reagiert und die Stresshormone auslöst — genau der Prozess, den Taylor beschreibt
Dr. Lisa Feldman Barrett: Widerlegte die Vorstellung fixer Gefühlsprogramme: Das Gehirn macht Gefühle aktiv ("Wie Gefühle gemacht werden")
Dr. Sara Lazar: Harvard-Studien zu Achtsamkeit: Wir können lernen, Gefühle zu beobachten, ohne von ihnen getrieben zu werden
Dr. Michael Merzenich: Neuroplastizität: Ungesunde Denkmuster lassen sich bis ans Lebensende verändern — mit etwas Übung
Häufige Fragen - zur 90 Sekunden Regel
Kann ich in meinem Alter überhaupt noch so eine Methode anwenden?
Zweifellos! Diese Regel entspricht dem Prinzip der Neuroplastizität, die besagt, dass unser Gehirn bis ans Lebensende veränderlich ist. Das Gehirn kann in jedem Alter neue Gedanken oder neuronale Bahnen schaffen Das bedeutet, dass durch einfaches Machen oder Üben auch im fortgeschrittenen Alter neue Wege erlernbar und neue Erfahrungen möglich sind. Jedes Mal, wenn Sie entscheiden, neue Gedanken anzulegen und zu fördern, verändern Sie ihr Gehirn.
Muss ich meine Gefühle unterdrücken? Hab gehört, das ist nicht gut.
Nein, im Gegenteil! Die 90-Sekunden-Regel fordert nicht dazu auf, Gefühle zu unterdrücken, sondern die körperliche Reaktion, also Empfindung bewusst wahrzunehmen und zu beobachten, aber ebenso, vorbeiziehen und wieder gehen zu lassen, ohne sich in den negativen Gedanken zu verfangen und damit das Gefühl erneut zu akivieren und damit zu verlängern. Es geht darum, sich davon zu lösen und nicht darum, eine Emotion wegzudrücken.
Wenn ich durch Medikamente anfälliger bin? Gilt die Regel dann auch?
Die 90-Sekunden-Regel kann genauso in solchen Situationen hilfreich sein, da sie sich auf die Empfindung und Reaktion des Körpers konzentriert. Selbst wenn Sie emotional anfälliger sind, bleibt die chemische, hormonelle Reaktion dieselbe. Möglicherweise ist die Herausforderung, den negativen Gedanken zu folgen gegeben, aber dann ist es umso wertvoller, eine Strategie zu haben, um die Intensität und Dauer emotionaler Belastung zu verkürzen.
Ich habe im Leben schon viel erlebt, kann mir diese Regel helfen, wenn ich auch um einen Menschen trauere?
Die Regel ist vorrangig dafür gedacht, besser mit akuten, emotionalen Reaktionen auf alltägliche Auslöser umzugehen. Trauer und Verlust sind in tiefere Prozesse, die generell mehr Zeit und Raum zur Verarbeitung benötigen. Die Regel kann jedoch dabei helfen, Momente der Trauer zu erkennen und eine emotionale Überwältigung zu verkürzen, vielleicht sogar zu vermeiden. Sie ermöglicht, die körperlichen Wellen der Trauer zu spüren, aber sich nicht darin zu vertiefen oder zu verlieren, und damit einen achtsameren Umgang mit Ihrem Verlust zu finden. Sie ersetzt keine Trauerarbeit, kann aber unterstützend sein.
Ist das wieder so eine Modeerscheinung?
Die Regel basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Dr. Jill Taylor ist eine bekannte und renomierte Neuroanatomistin. Ihre Beobachtungen werden ebenfalls durch verschiedene weitere Forschungen beispielsweise zur Amygdala (unserem Alarmzentrum) oder der Neuroplastizität (sein Gehirn lebenslang zu verändern), sowie die Achtsamkeitspraktiken (Gefühle zu beobachten, ohne sich mitreißen zu lassen) gestützt. Es ist also keine Modeerscheinung, sondern eine Methode, welche sich die Funktionsweise oder Biologie des Gehirns und Körpers zunutze macht. Viele Menschen finden darin eine Möglichkeit, ihr Wohlbefinden zu verbessern.


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