Positive Nachrichten - falls Ihre Sinne im Alter nachlassen

LEBENSFREUDE

"Sind Sie noch bei Sinnen?"

Die Frage ist natürlich provokant, weil sie üblicherweise, etwas anderes meint, und zwar „sind Sie noch bei Verstand?“. Dabei bringt die Frage im wörtlichen Sinn, das Gegenteil zum Ausdruck, denn sie fragt, ob Sie noch mit all Ihren Sinnen leben, sie im Alltag nützen, ihnen folgen und vertrauen. Genau in dieser sprachlichen Verschiebung steckt für ältere Menschen eine bemerkenswerte Wahrheit, welche die Wissenschaft immer mehr ans Licht bringt. Entdecken Sie, wie sinnvoll es ist, Ihre Sinne aufzufrischen und zu nützen, für sich selbst, Ihr Lebensqualität, aber vor allem auch für Ihr Wohlbefinden.

Warum es sich lohnt, die Sinne im Alter und die Welt zu spüren, statt sie nur zu verstehen

Wir verstehen Sinne und Verstand oft als Gegenspieler, bei denen am Ende einer die Oberhand hat und gewinnt. Ein Leben, das aber nur über den Verstand läuft, wird schnell zu dem, was man im Deutschen sinnlos nennt – nicht weil es keinen Zweck hätte, sondern weil ihm das fehlt, was einmal seinen Namen gab: die Sinne. Dabei beginnt jedes Leben andersherum – doch die gute Nachricht ist: Man kann dorthin zurückfinden, ohne dafür auch nur ein bisschen Verstand aufzugeben oder zu verlieren.

Mit diesem Text beginnt eine kleine Reihe rund um das Leben mit den Sinnen – ein Thema, über das sich erstaunlich wenige Menschen wirklich Gedanken machen, obwohl es unmittelbar mit Lebensfreude, Gesundheit und dem körperlichen Gefühl zu tun hat, wirklich zu leben und da zu sein. Falls Sie sich jemals gefragt haben "welche 5 Dinge die meisten Menschen am Lebensende wirklich bereuen, lesen Sie diesen Artikel (hier). Heute beginnen wir mit einem Überblick und in den kommenden Artikeln vertiefen wir das mit ganz konkreten, alltagstauglichen Wegen zurück zu den eigenen Sinnen, welchen Wert und welche Wirkung sie haben.

Kinder kennen sie und können es noch

Beobachten Sie einmal ein Kind, das ein Blatt in die Hand nimmt. Es dreht es, riecht daran, zerreibt es zwischen den Fingern – ohne sich zu fragen, wofür das gut sein soll. Ein Erwachsener sieht dasselbe Blatt anders, hat es zumeist schon eingeordnet, bevor er es überhaupt richtig angeschaut hat: Ahornblatt, Herbst, muss entsorgt und weggekehrt werden.

Der präfrontale Kortex – also jener Teil des Gehirns, der plant, bewertet und einordnet, was wir umgangssprachlich den Verstand nennen – reift ausgesprochen langsam und ist erst im frühen Erwachsenenalter wirklich ausgebildet. Die Sinne dagegen sind bei Kindern schon hochfunktional. Neurowissenschaftliche Studien zur Hirnreifung zeigen: Kinder nehmen nicht mehr oder weniger wahr als Erwachsene – aber sie nehmen anders wahr, ohne dass eine Bewertung, Erklärung oder wie schon erwähnt der Verstand dazwischenfunkt.

Mit den Jahren legt diese Bewertungsschicht ein dickes Fell über das unmittelbare Erleben. Wir verlieren zwar die Sinne nicht, aber wir lassen sie immer seltener zu, als dass sie uns tatsächlich erreichen. Das ist nicht nur eine Frage der Alltagsgewohnheiten, sondern ebenso Biologie.

Ein kurzer Rundgang durch die Sinne

Jeder unserer Sinne hat eine Funktion und ebenso Aufgabe und zwar aus evolutionärer Sicht. Es lohnt sich wirklich, sie kurz einzeln zu betrachten.

Sehvermögen und Hörvermögen – die Fernsinne

Sie halten uns auf Abstand zur Welt und sind eng mit Sprache und Denken verknüpft – kein Wunder, dass sie im Erwachsenenleben oft über die anderen Sinne hinweg bestimmen.

Tastvermögen – der erste Sinn

Tasten ist der erste Sinn überhaupt, der sich entwickelt – schon vor der Geburt. Er ist die Grundlage für Nähe, Bindung und jenes Urvertrauen, dass die Welt einen trägt. Berührung bleibt bis ins hohe Alter eine der direktesten Quellen von Verbundenheit und Geborgenheit mit anderen Menschen.

Gleichgewichtssinn und Körperwahrnehmung

Wird gerne vergessen, gibt uns aber das schlichte, zentrale Gefühl, im eigenen Körper zu Hause zu sein, uns wohl oder auch später im Alter stabil und gut zu fühlen.

Riechen und Schmecken: der direkte Draht zum Gehirn

Riechen ist unter allen Sinnen ein Sonderfall. Während fast jeder andere Sinneseindruck zunächst über eine Schaltzentrale im Gehirn, den Thalamus, vorsortiert wird, läuft ein Geruch direkt in jene Hirnregionen, die für Gefühl und Erinnerung zuständig sind – Amygdala und Hippocampus. Forscher der Harvard-Universität erklären damit, warum ein einziger Duft blitzartig ein Gefühl oder eine Erinnerung wachrufen kann, lange bevor man überhaupt weiß, worum es geht: der Duft von frisch gebackenem Brot, ein Parfum, der Geruch von Heu oder auch Regen auf warmem Asphalt.

Der Ratatouille-Moment: Wie ein Geschmack die Zeit zurückdreht

Erinnern Sie sich an die berühmte Szene aus dem Animationsfilm „Ratatouille"? Der verbitterte Restaurantkritiker Anton Ego probiert das schlichte, ländliche Gericht – und wird augenblicklich in seine Kindheit zurückversetzt, an den Küchentisch seiner Großmutter, die ihm nach einem kleinen Missgeschick genau dieses Essen zum Trost gekocht hatte. Der Geschmack war untrennbar mit dem Gefühl von Geborgenheit verknüpft.

die Szene aus dem Film

Der Geschmackssinn verstärkt diese Wirkung, weil er sich im Alltag fast nie vom Riechen trennen lässt – erst gemeinsam ergeben beide das, was wir als Aroma erleben.

Diese Direktheit macht den Geruchssinn auch zu einem erstaunlich verlässlichen Frühwarnsystem für die Gesundheit. Mediziner betrachten einen nachlassenden Geruchssinn heute als möglichen frühen Hinweis auf Veränderungen im Gehirn – oft, lange bevor andere Anzeichen überhaupt auffallen. Auch die Pandemie der vergangenen Jahre hat vielen erst bewusst gemacht, was der Verlust eines einzigen Sinnes wirklich bedeutet: Ein relevanter Teil der Betroffenen kämpfte noch lange nach der Erkrankung mit einem veränderten oder fehlenden Geruchssinn – und berichtete, wie sehr Essen, Zuhause, ja das ganze Lebensgefühl darunter litten.

https://news.harvard.edu/gazette/story/2020/02/how-scent-emotion-and-memory-are-intertwined-and-exploited/

https://my.clevelandclinic.org/health/body/limbic-system

Die profitorientierte Verführung der Sinne

Nun könnte man meinen, unsere Sinne werden heute jeden Tag schon stärker beansprucht als je zuvor – schließlich blinkt, klingelt und leuchtet es überall. Bildschirme, Werbung, endloses Scrollen in sozialen Medien, die neuesten Must-haves (auf deutsch „muss man haben, also Trends): All das spricht zweifellos unsere Sinne an, keine Frage. Aber das ist eine andere Form von Reiz. Die Aufmerksamkeitsforschung nennt das hard fascination – also eine fesselnde Faszination oder Bindung - die kaum Raum für irgendetwas anderes lässt. Gemeint sind aufregende Filme oder Spiele und natürlich die Werbung. Genau diese Art von Reizen ist heute allgegenwärtig, aber sie hat einen Haken: Sie beschäftigt unsere Sinne, ohne sie wirklich zu nähren oder zu befriedigen. Man schaut, hört, tippt – und spürt dabei erstaunlich wenig. Die Sinne werden zwar benutzt, aber nicht wahrgenommen, nicht gelebt.

Das ist aber der unsichtbare und stille Verlust, um den es in dieser aufklärenden Artikelreihe geht: Nicht um den fehlgeleiteten Verlust der Sinne durch die Massenmedien, sondern den Verlust des wahren Erlebens seiner Sinne. Und genau hier wird die Geschichte interessant – denn dieser Verlust ist keine Einbahn, ganz im Gegenteil, wie es die aktuelle Wissenschaft derzeit, mehr und mehr erkennt.

Was beim Kind moch biologisch bedingt ist – der Verstand mischt sich noch nicht ein –, können sich Erwachsene wieder zurückholen, besser gesagt, wiedergewinnen. Die Flow-Forschung zeigt: Wenn wir vollständig in eine Wahrnehmung genießen oder in sie eintauchen – beim Musikhören, bei einem langsamen Essen ohne Bildschirm, beim Gehen ohne Ziel –, wird ausgerechnet jener Gehirnbereich, der sonst ständig bewertet, urteilt und kommentiert, für einen Moment leiser. Fachleute nennen das transiente Hypofrontalität: Die innere Stimmt oder der Kritiker macht Pause, und übrig bleibt der reine Empfindung – unkommentiert, wie bei einem Kind. In solchen Momenten verändert sich sogar das Zeitgefühl; man verliert buchstäblich die Zeit. Das ist keine romantische Umschreibung, sondern ein Zustand, der sich im Gehirn konkret messen lässt.

Das Schöne daran: Es braucht dafür kein neues Programm und keine besondere Technik, auch keine große Anstrengung oder sogar sportliche Fitness. Es braucht nicht einmal viel Zeit. Ein bewusster Moment genügt – eine Tasse Tee wirklich (wieder) schmecken, den Enkeln beim Spielen bewusst zusehen, eine vertraute Melodie einmal ganz neu hören –, um für einen Augenblick dorthin zurückzukehren, wo Kinder sich ganz selbstverständlich befinden. Solche Momente sind mehr als angenehm: Sie hängen oft eng mit emotionaler Ausgeglichenheit, mit Verbundenheit zu anderen Menschen und mit dem zusammen, was man Lebensgefühl oder -qualität nennt.

Ein kurzer Blick auf das, was auf Sie zukommt

Darum wird es in den kommenden Artikeln gehen: um drei ganz konkrete, alltagstaugliche Wege, wie sich dieses Leben mit den Sinnen wiedergewinnen lässt. Und damit von Anfang an klar ist, dass es dabei nicht um irgendwelche Lebensweisheiten oder esoterische Fantasien geht, sondern um Konzepte, die in der Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten erkannt und untersucht wurden, hier ein erster kurzer Blick darauf, was Ihre Sinne erwartet.

Soft Fascination – die „sanfte Faszination“

Ist das genaue Gegenteil der „hard fascination‘ abseits von Bildschirmen und Werbung, die zwar fesselt, aber ebenso auslaugt. Der Umweltpsychologe Stephen Kaplan prägte mit seiner vielzitierten Theorie zur Wiederherstellung der Aufmerksamkeit“ (Attention Restoration Theory) ein Begriff für etwas, den die meisten von uns als „auftanken, wieder zu sich kommen oder verschnaufen“ kennen. Wussten Sie, dass nach etwa 20 bis 30 Minuten in einem Park oder Wald die Stresshormone im Körper drastisch sinken und das Gehirn nachweislich in den Erholungsmodus schaltet. Oder, dass insgesamt 2 Stunden pro Woche in der Natur ausreichen, um langfristig zu profitieren. Dabei ist es egal, ob Sie die 120 Minuten am Stück im Wald verbringen oder in mehrere kleine Spaziergänge aufteilen.Im nächsten Artikel zeigen wir, wie sich diese sanfte Form der Aufmerksamkeit gezielt in den Alltag holen lässt – warum sie nachweislich das Nervensystem oder die Konzentration erholt und gerade im Alter besonders wertvoll sind.

Savoring - Genießen

Dieser Begriff stammt aus der Positiven Psychologie, welchen Forscher wie Fred Bryant seit den 1980er-Jahren untersuchen. Er beschreibt die erlernbare Fähigkeit, eine angenehme Erfahrung nicht nur zu erleben, sondern sie gezielt herbeizuführen und dadurch ihre Wirkung zu verstärken und zu verlängern. Studien zeigen: Wer regelmäßig genießt (savort), erlebt – und zwar über alle Altersgruppen hinweg - mehr Lebensfreude und weniger pessimistische Stimmung. Im folgenden vertiefenden Artikel erfahren Sie, wie sich diese Haltung in wenigen Sekunden am Tag einüben lässt. Aktuell gibt in diesem Forschungsgebiet einige faszinierende Studien und Erkenntnisse, da Genuss eine "besonders wohtuende Art" der Achtsamkeit ist. Nennenswerte Wissenschaftler:innen zu diesem Thema sind Sonja Lyubomirsky, Jessica Borelli oder Jordi Quoidbach, die in Folge in den kommenden Beiträgen noch eine interessante Rolle spielen werden. Als kleine Einstimmung darauf können Sie auch diesen Artikel lesen (Wer nicht genießt, wird ungenießbar)

https://positivepsychology.com/savoring/

Dishabituation – der „Entwöhungseffekt"

Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot (University College London) beschreibt in ihrem Buch „Look Again‘, warum das Gehirn mit der Zeit, also im Laufe der (Berufs-)Jahre aufhört, Vertrautes wirklich wahrzunehmen – es spart Energie, indem es Wiederkehrendes ausblendet. Dieser Vorgang heißt Habituation (Gewöhnungseffekt), sein Gegenstück ist die Dishabituation mit anderen Worten der Entwöhnungseffekt: folglich das gezielte Wiederentdecken dessen, was uns längst „bekannt‘ scheint. Im dritten Artikel zeigen wir Wege, wie sich mit neuer Neugier auf vertraute Menschen, Orte und Dinge zugehen und sich diese erwecken lässt.

https://bigthink.com/neuropsych/trapped-in-routine-heres-how-to-dishabituate-and-rediscover-joy/

Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind die Welt erlebt haben – nicht als etwas, das man einordnet, sondern als etwas, das man schmeckt, riecht, hört und spürt? Genau dorthin führt diese Reihe zurück. Und Sie werden erkennen: Nicht als einen Rückschritt, sondern als bewusste Erweiterung, nämlich die Fülle des Augenblicks wiederzuentdecken und nebenbei, dass die Zeit „nicht mehr verfliegt“.

Referenzen - Wissenschaftler:innen im Artikel

für mehr Informationen klicken Sie auf den Namen - weitere Wissenschaftler:innen im "who is who"

  • Stephen Kaplan: US Pschologe der mit seiner Frau das Aufmerksamkeits-Erholungs-Theorie entwickete

  • Fred Bryant: US-amerikanischer Sozialpsychologe und gilt als der „Vater der Savoring-Forschung“

  • Sonja Lyubomirsky: ist eine weltbekannte US-amerikanische Psychologin und Professor an der University of California, Riverside (UCR).

  • Jessica Borelli: Professorin für Psychologie an der University of California, Irvine (UCI).

  • Jordi Quoidbach: ist ein belgischer Psychologe und Professor für People Management

  • Tali Sharot: Professorin für Kognitive Neurowissenschaft am University College London

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